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Heute ist ein neuer Tag
Schritt für Schritt zur inneren Freiheit

Die Nacht hatte ausgeschlafen. Die Dunkelheit lichtete sich und ein neuer Morgen brannte darauf, mich zu begrüßen – ein besonderer Morgen. Es war der erste Morgen meines neuen Lebens. Ein guter Tag, um Neues zu beginnen, so glaubte ich zu wissen. Nur nicht so, wie ich es bisher allzu häufig, aber dennoch ohne länger währenden Erfolg versucht hatte. So viel stand fest. „Ich höre auf zu rauchen, ich treibe mehr Sport, ich ernähre mich gesünder, ich arbeite nicht mehr bis zum Umfallen, ich sehe weniger fern“ und wie die anderen Glieder einer endlosen Kette willensstarker Absichten sonst noch so hießen – alle zweifellos gut gemeint, aber meist nur von kurzer Wirkung. Nein, diesmal sollte mein Entschluss anders lauten: „Ich höre auf, aber nur für den heutigen Tag. Nicht für immer. Nein, nur heute.“ Das schien machbar. Was morgen sein wird – ich wusste es nicht. Aber heute wollte ich es anders machen, als bisher. In diesem Zuspruch an mich steckte Versöhnliches. Der Überdruck, den ich durch meine „ich-breche-alle-Rekorde dieser- Welt-und-zwar-allein-und-fürimmer- und-unnachahmlich“-Haltung angestaut hatte, entwich aus meinem Geist mit einem lauten Zischen. Heute ist ein neuer Tag, dachte ich, und ich bin endlich frei – frei für einen Tag.

Wer kennt das nicht, was diese Geschichte uns erzählt? Wer will das nicht – sich frei fühlen, glücklich und zufrieden und voller Frieden und Freude durch das Leben gehen, immer mit einer großen Portion Unbeschwertheit im Reisegepäck? Wir alle sehnen uns danach: Nach einem Leben in Unabhängigkeit, voller Gelassenheit und Lebenslust. Schon zum Zeitpunkt unserer Geburt – und womöglich noch weit davor – schwingt in uns dieser uralte Menschheitstraum, diese Vision von innerer Freiheit, Leichtigkeit und Zufriedenheit. Meist jedoch werden wir alsbald und oftmals ein Leben lang an seiner Verwirklichung gehindert. Denn wir unterliegen vielfältigen Missbräuchen, Manipulationen und sonstigen schwerwiegenden Beeinträchtigungen unserer wahren Natur. Letztlich aber – und das ist von entscheidender Bedeutung – stehen wir uns dabei selbst im Weg – und unsere eigenen untauglichen Lebenskonzepte.

Die vielen kleinen Lebenskrücken

Kennen wir sie nicht alle – die vielen kleinen ebenso alltäglichen, wie untauglichen Lebenskrücken, die wir gerne immer wieder aufs Neue dazu einsetzen, um unser Leben vermeintlich lebenswerter zu machen? Sie haben viele Namen: Alkohol, Drogen, Nikotin, Adrenalin, Sex, Glücksspiel, Arbeit, Macht, Geld, Beziehungen, Romantik, Stress, die Probleme anderer Menschen, Kontrolle, Ärger, Sorgen, Opferhaltungen, Melancholie, Essstörungen, Kaufen, Depressionen, Tabletten, Zucker, Fernsehen, Koffein, Rage, Internet, Sport, undsoweiter, undsoweiter. Die Liste der stofflichen und nichtstofflichen Lebensverhinderer ist lang. Und allzu gerne setzen wir sie, meist unbekümmert, ein und machen uns dabei vor, dass wir alles im Griff hätten, dass es einfach normal sei, weil es doch jeder so macht, und dass wir keine Probleme damit hätten, weil sie einfach zum Leben dazu gehören. Wir überschreiten dabei oftmals gar nicht das Maß der Auffälligkeit und sind dennoch in Abhängigkeiten gefangen. Wir ersetzen ein schädliches und unbrauchbares Mittel zur Lebensbewältigung durch das nächste, tauschen Sie untereinander aus und mischen uns so unsere giftigen Lieblingscocktail, unsere rosaroten Brillen – für jede Gelegenheit eine andere und immer ein paar in Reserve. Sie verhindern unseren klaren Blick auf die Realität, wie sie wirklich ist – nämlich schön, bunt, spannend, aber auch unwägbar und überraschend und nicht immer ohne Schwierigkeiten: eben das Leben zu seinen Bedingungen.

Oft wollen wir nicht wahr haben, dass sie uns das Leben nur schwer machen, anstatt ihren ersehnten Zweck zu erfüllen, nämlich, es uns zu erleichtern. Meistens müssen wir erst an den Punkt kommen, wo wir nicht länger die Augen vor der Erkenntnis verschließen können, dass nicht mehr wir es sind, die mit diesen Krücken durch unsere Tage humpeln, sondern sie uns längst im Griff und das Kommando übernommen haben und fortan die Richtung bestimmen, in die die Reise gehen soll – bergab und zwar immer schneller und unausweichlich. Wir wollen aufhören und können es nicht. Wir wollen frei sein und sind es nicht.

Es gibt Hoffnung: ein spirituelles Programm

Aber die Lage ist niemals ausweglos. Wir alle, Sie genauso wie ich, sind keine hoffnungslosen Fälle, unabhängig davon, wie tief wir unser Lebensvehikel bereits in den Straßengraben der Lebensverneinung gesteuert haben – es ist egal, ob wir nur einen Platten haben oder wir alltäglich knapp am Totalschaden vorbeischlittern. Wir müssen nicht erst am Boden liegen, um etwas Neues auszuprobieren, einen Weg zu entdecken, der uns hinaus führt aus dem Dschungel unserer alt bekannten Verstrickungen und Fallgruben. Den Kompass dazu gibt es bereits seit vielen Jahren: Im Jahr 1935 gründeten der Finanzmakler Bill Wilson und der Arzt Dr. Bob Smith die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker. Das so genannte Programm der zwölf Schritte, nach dem ihre Mitglieder von ihrer Erkrankung genesen, wurde im Laufe der Zeit noch von vielen anderen Selbsthilfegruppen – in leicht abgewandelter Form – übernommen und hat seitdem Millionen Menschen zu neuer Zufriedenheit und Freiheit verholfen. Es ist nicht nötig, alkoholkrank zu sein oder zu werden, um von den Effekten zu profitieren, die uns eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem Konzept offenbart. Wir alle können es gebrauchen – wenn wir wollen. Es besteht aus bestimmten Komponenten, mit denen wir auf täglicher Basis unser Leben verändern können. Die vielen darin enthaltenen Facetten des Wachstums und der Kraft können uns ebenfalls ein neues, bisher nicht gekanntes positives Lebensgefühl verschaffen, wenn wir es wünschen, auch wenn wir zu wissen glauben und felsenfest davon überzeugt sind, noch meilenweit vom Vollbild einer Abhängigkeitserkrankung entfernt zu sein und es womöglich auch noch sind. Unser Leben wird sich ändern. Wir werden positive Wandlungsprozesse erleben und können dann womöglich in einiger Zeit mit Fug und Recht von uns behaupten: „Ich bin glücklich, gelassen und fühle mich frei!“. Der Weg dorthin ist stets einfach, aber nicht immer leicht zu gehen. Das liegt meist nicht an dem Weg, sondern an einer Weigerung, ihm zu folgen. Von einigen lieb gewonnenen Gewohnheiten werden wir uns verabschieden dürfen, Neues können wir ausprobieren. Der Gewinn, der sich daraus ergibt, ist ebenso großartig wie unbezahlbar.

Schritt für Schritt in ein neues Leben

Am Beginn dieses „einfachen Programms für komplizierte Menschen“ steht die Erkenntnis, dass wir mit unseren bisherigen Mitteln gescheitert sind. Wir geben auf, strecken die Waffen und ergeben uns. Wir werden uns all unserer vielen Alltagsdrogen, Pflästerchen und Hängematten, die wir nun schon geraume Zeit missbrauchen, um uns dem Leben und den Gefühlen, die es in uns erzeugt nicht zu stellen, bewusst und hören auf, sie zu benutzen. Leichter gesagt, als getan, meinen Sie? Ich gebe Ihnen Recht – aber es ist die einzige Möglichkeit, endlich doch noch Frieden zu schließen, mit uns, unseren Mitmenschen und allem, was unser wertvolles Dasein ausmacht. Und nach dieser täglichen Kapitulation hört die Hilfe bei weitem nicht auf. Wir erkennen nämlich schon bald, dass wir zunächst weder mit, noch ohne unsere Mittelchen auskommen können. Wir brauchen also Hilfe. Am besten von einer Kraft, die wirkungsvoller ist, als unsere bescheidenen Möglichkeiten und Gewohnheiten der Lebensbewältigung. Was liegt da näher, als zu einem Glauben zu finden, dass diese Hilfe längst schon existiert, und zwar schon immer und für alle Zeit, und zuzugeben, dass wir uns bisher nur wenig bis gar nicht dafür interessiert haben. Wir können dann nämlich all unsere Schwierigkeiten, die kleinen und großen Hindernisse und Unwägbarkeiten eines jeden Tages, in die Obhut einer liebevollen, fürsorglichen Kraft geben, die sich darum kümmert, wenn wir sie darum bitten. Wir müssen jedoch nicht religiös oder Mitglied einer wie auch immer gearteten Religionsgemeinschaft sein, damit der beschriebene Weg gangbar ist. Hilfreich wird es sicherlich dennoch sein, an etwas zu glauben, das unsere eigenen menschlichen und damit beschränkten Möglichkeiten um Längen überragt. Und manchmal drückt sich dieses »Etwas« schon in der Hilfe aus, die uns durch unsere Mitmenschen zuteil wird.

Selbsterkenntnis, Bereitschaft und die Weitergabe der Botschaft – es funktioniert

Und wenn erst mal ein wenig Ruhe eingekehrt ist in unseren zuvor so unruhigen Alltag, wenn wir uns voll neu gewonnener Hoffnung und Vertrauen der Wirklichkeit stellen, nehmen wir uns vor, uns einmal gründlich zu betrachten. Wir schauen uns alle Facetten genau an, die uns und unsere Persönlichkeit, unser Verhalten, unser ganzes Sein ausmachen – die positiven und auch die negativen Aspekte. Wenn wir uns ihrer bewusst sind, können wir uns damit zeigen und dadurch lernen, uns so zu geben, wie wir wirklich sind und immer schon gewollt waren – einfach menschlich. Dann fällt es uns auch leichter, die Schäden, die wir durch unsere ungeeigneten Lebensrezepte verursacht haben, wieder gut zu machen, weil wir uns selbst verzeihen können und uns selbst nicht mehr alles grundübel zu nehmen brauchen. Wir bleiben täglich am Ball unseres neuen, spirituellen Lebenskonzepts und etablieren und pflegen seine Grundsätze zu unserer vollen Zufriedenheit und Freude. Und schließlich erlangen wir den Punkt, den wir schon so lange herbeigesehnt haben. Wir geben uns ganz dem Gefühl der spirituellen Geborgenheit hin, dem unbeschreiblich wohltuenden Zustand der inneren Freiheit. Dadurch, dass wir endlich erwacht sind aus unserem Tiefschlaf, können wir unseren Mitmenschen hilfreich das Licht des Lebens reichen und damit den Weg erhellen, hin zu einem erfüllten Dasein. Und wir tun es – von Mensch zu Mensch und von ganzem Herzen.

Michael Kuhn

 

Quelle: BALANCE 3/2007

Das Buch zum Thema

Michael Kuhn: "Heute ist ein neuer Tag"
Schritt für Schritt zur inneren Freiheit Hardcover,
168 Seiten, Verlag Via Nova
ISBN: 978-3-86616-065-1 Weitere Informationen unter: www.kuhn-coaching.de

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