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Altern mit Biss

Mundgesundheit und Lebensqualität

In unserer Gesellschaft können sich die Menschen heute auf ein langes Leben freuen, denn die Lebenserwartung steigt stetig. Aber sie sagt noch nichts darüber aus, ob die höhere Lebensdauer auch mit gesunden Lebensjahren einhergeht. Unser Körper macht einen ganz natürlichen Alterungsprozess durch sowohl auf körperlicher als auch auf geistiger Ebene.

Diese Veränderungen sind zunächst ganz natürlich aber bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Das Ausmaß dieser Veränderungen – wie sie jeder erlebt – wird sehr stark vom persönlichen subjektiven Wohlbefinden bestimmt. Der Grad dieses Wohlbefindens, die empfundene Lebensqualität, ist deshalb in den letzten Jahren stärker in den Mittelpunkt medizinischer und zahnmedizinischer Arzt- und Patientengespräche gerückt.

Zusammenhang zwischen allgemeiner Gesundheit  und Mundgesundheit

Studien der jüngsten Zeit belegen den Zusammenhang zwischen allgemeiner Gesundheit und Mundgesundheit. So bedeutet Mundgesundheit auch Wohlbefinden, körperliche Integrität, Chancen für soziale Anerkennung (Aussehen) und persönlicher Wertausdruck.

Besonders bei Personen mit funktionell bedingten Schmerzen (Gelenk, Muskulatur, Zähne) ist die Lebensqualität – nicht nur die mundbezogene – deutlich reduziert. Sie vernachlässigen ihr soziales Umfeld, meiden Kontakt zu anderen was bis zur Vereinsamung führen kann. Dort wo die tägliche Nahrungsaufnahme durch Schmerzen beim Kauen oder bereits in Ruhe zur „Qual“ wird kann das sogar mit einem deutlichen Gewichtsverlust einher gehen. Je intensiver die Schmerzen ausgeprägt sind, desto stärker resultiert daraus eine Reduzierung der Lebens­qualität.

Neuere Studien konnten zeigen, dass bei etwa 16% der Bevölkerung behandlungsbedürftige Funktionsstörungen vorliegen. Vielen Patienten ist jedoch gar nicht bewusst, dass ihre Beschwerden bzw. Einschränkungen durch Funktionsstörungen im Kiefer- Gesichtsbereich bedingt sind. Dazu können auch ständige Kopfschmerzen zählen.

Insbesondere ältere Menschen haben sehr häufig eine eingeschränkte Mundgesundheit. So fehlen in der Gruppe der 65 bis 74-jährigen im Mittel 14 Zähne. 22% sind sogar zahnlos. Nur 1,4% der Untersuchten hatten gesunde Gebisse. Und selbst hier besteht kein Grund zur Freude, denn es zeigte sich ein augenfällig hoher Anstieg von Parodontitis.

Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparats, die durch den progressiven Verlust an bindegewebigen und knöchernen Strukturen gekennzeichnet ist.

Erkrankungen des Zahnhalteapparates
zählen weltweit zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten überhaupt

70 bis 75 % der Bevölkerung leiden an entzündlichen Parodontalerkrankungen. Dabei ist die chronische  Parodontitis die am häufigsten vorkommende Form. Sie beginnt in jungen Jahren als Gingivitis und führt – wenn sie unbehandelt bleibt – zu einer Parodontitis. Man geht davon aus, dass 90 % der Schwere der Parodontitis durch Alter und Mundhygiene erklärbar ist. Sie äußert sich durch Rötung und Schwellung und es tritt eine verstärk-te Blutungsneigung schon beim Zähneputzen auf. Sind mehr als 30% der Zahnflächen befallen zeigt sich häufig eine verstärkte Zahnbeweglichkeit und eine Fächer-  bzw. Schachtelstellung der Zähne. 

Experimentelle klinische Studien haben den Nachweis erbracht, dass Mikroorganismen die Zahnflächen besiedeln, sobald die Mundhygiene eingestellt wird. Bereits innerhalb nur weniger Tage treten die ersten Anzeichen einer Gingivitis auf. Sie bildet sich jedoch wieder zurück, sobald eine umfassende Mundhygiene durchgeführt wird.

Das Fortschreiten einer Gingivitis zur Parodontitis und deren Verlauf hängen sowohl von angeborenen als auch von erworbenen Faktoren ab. Das erklärt, warum es unterschiedliche Schweregrade und sehr individuelle Verläufe gibt. So wird die Krankheitsentwicklung von solchen Faktoren wie unausgewogene Ernährung, toxischen Belastungen (Rauchen), Stress und sozialen Einflüssen bestimmt.

Zahlreiche Auswirkungen
auf  den gesamten Organismus

Die Übeltäter sind in jedem Fall Bakterien die die Wurzelhaut, die Stützfasern des Zahns und auch den Kieferknochen angreifen. Das Immunsystem reagiert mit einer Entzündung um die Bakterien zu vertreiben. Diese Entzündungsstoffe gelangen jedoch ins Blut und führen zu weiteren Entzündungen z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bekannt sind auch mehr Frühgeburten bei Frauen die an einer chronischen Parodontitis leiden.

Wissenschaftler der Humboldt Universität Berlin untersuchten den Einfluss der Osteoporose auf die Entstehung und den Verlauf der Parodontitis. Es wird angenommen, dass solche Knochenanomalitäten wie sie bei der Osteoporose bestehen auch den lokalen, parodontitisbedingten Knochenabbau fördern.

Vergleichbar mit der Osteoporose verläuft der Knochenabbau während einer Parodontitis in Schüben. Ähnlich wie bei der Osteoporose, bei der sich erst zu einem späteren Zeitpunkt solche Symptome wie Schmerz, Skelettverformungen und Frakturen (Knochenbrüche) bemerkbar machen, verläuft die Parodontitis oftmals zunächst unbemerkt. Erst später manifestiert sie sich in erhöhter Zahnbeweglichkeit, Zahnveränderungen, Blutungen und im Auftreten von Abszessen. Die Konsequenz ist Zahnverlust.

Während als primäre Krankheitsursache der Parodontitis bakterielle Plaques angesehen werden, weisen die Parodontitis und die Osteoporose zahlreiche gemeinsame Risikofaktoren auf. Dabei zeigt sich bei der Parodontitis ebenfalls mit zunehmendem Alter ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Gemeinsame Risikofaktoren betreffen sowohl das Rauchen als auch den ungünstigen Einfluss bestimmter Erkrankungen oder Medikamente auf die Heilung.

Mundgesundheit und Krebs

Eine Arbeitsgruppe um Dominique Michaud vom Londoner Imperial College untersuchte den Zusammenhang zwischen Zahnfleisch-Erkrankungen und dem Auftreten von Karzinomen (Krebs). Sie befragten und untersuchten 48.000 Männer im Alter zwischen 40 bis 75 Jahren zu ihrer Zahngesundheit, Rauch- und Ernährungsgewohnheiten sowie Krebserkrankungen. Im Laufe von 18 Jahren zeigte sich, dass 5.720 neue Krebserkrankungen auftraten. Am häufigsten waren Dickdarm- (18 %), Lungen- (12 %), Blasen- (9,5 %) und fortgeschrittener  Prostatakrebs (9,5 %) sowie Melanome (12 %).

Unter statistischer Berücksichtigung der bekannten Risikofaktoren – inklusive Rauchen und Ernährung – war das Krebsrisiko der Teilnehmer mit Erkrankungen des Zahnfleischs um 14 Prozent erhöht. 

Insbesondere Lungenkrebs (36 %), Nierenkrebs (49 %), Pankreaskrebs (54 %) und hämatologische Krebserkrankungen (30 %) traten bei Teilnehmern mit Parodontitis und anderen Zahnfleisch-Erkrankungen häufiger auf. Männer mit starkem Zahnausfall (weniger als 17 eigene Zähne) erkrankten 1,7 mal so oft an Lungenkrebs wie Teilnehmer mit mindestens 25 Zähnen.

Fazit

Es besteht eine enge Beziehung zwischen Parodontitis und dem vermehrten Auftreten diverser Krankheiten, unter anderem auch Krebsleiden. Ob Erkrankungen des Zahnfleischs allerdings Ausdruck eines schwachen Immunsystems sind oder als eigenständiger Risikofaktor zu bewerten sind, bleibt dabei vorerst noch offen.

Unter orthomolekularen Gesichtspunkten entstehen viele Zivilisations- und Stoffwechselerkrankungen durch einen Mangel oder ein Ungleichgewicht an Vitalstoffen im Körper. Auch die Parodontitis stellt eine Erkrankung dar, der aus orthomolekularer Sicht eine unzureichende Nährstoffzufuhr zugrunde liegt. So kann zum Beispiel saure Kost wie Fleisch und andere proteinreiche Nahrungsmittel die Calciumausscheidung vermehren und so den Knochenabbau fördern. Auch Zucker wirkt als Calcium-Räuber. Ebenso führt Kaffeegenuss und Alkoholkonsum zu einer Demineralisation und zu einer verminderten Knochenbildung.

Schwermetallbelastungen wie Quecksilber, Kadmium oder Blei können ebenfalls in Zusammenhang mit der chronischen Parodontitis stehen. Bereits eine Unterversorgung an Vitalstoffen (Vitamine, Mineralien und Spurenelemente) könnte einen Risikofaktor für die Entstehung von chronischen Krankheiten wie der Parodontitis darstellen.

Die Mundhöhle – ein Spiegel

Fest steht: Die Mundhöhle ist ein Spiegel von Gesundheit oder Krankheit. Sie ist    bedeutsam für die Allgemeingesundheit und unser Wohlbefinden unabhängig vom Alter.

Die chronische Parodontitis ist in jedem Fall ein Risikofaktor ersten Ranges und zugleich ein Frühwarnsymptom das wir ernst nehmen müssen. Prophylaxe ist das A und O. Sie umfasst sowohl die tägliche, gründliche Zahnreinigung zu Hause als auch die professionelle Zahnreinigung beim Zahnarzt und natürlich die regelmäßige zahnärztliche Begutachtung. Mit einer bewussten Ernährung (ergänzt mit natürlichen Vitalstoffen), angemessener körperlicher Bewegung und einem Lebensstil der die Selbstverantwortung des Menschen einschließt, können wir aktiv auf unsere (Mund-) Gesundheit Einfluss nehmen, denn es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird!

 

Dr. Ruth G. Ranft

 

 

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