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Wir sind Deutschland

Es liegt an uns, was draus wird

Wenn ich mit Menschen über ihr Verhältnis zu unserem Land, zu Deutschland, zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft spreche, dann bemerke ich in den letzten Jahren eine immer größer werdende Distanz und Entfremdung diesen gegenüber. Viele gefallen sich darin, zu schimpfen über den Zustand dieses Landes, über korrupte Manager, die Arbeitsplätze abbauen und ins Ausland verlegen, Betriebe kaputt ‚sanieren’ und sich selbst mit Millionen abfinden lassen, über ‚unfähige Politiker’, die wenig bewegen, aber sich jährlich die Diäten erhöhen. Politiker, Unternehmer und Manager, Konzerne und Behörden sind bei uns schlecht angesehen und werden verantwortlich gemacht für vieles...

Trennendes Denken kann fatale Folgen nach sich ziehen

Dieser Ausdruck von Unzufriedenheit bis Wut, von Verunsicherung bis Angst ist nur allzu verständlich nach Jahrzehnten der Stabilität und des Wohlergehens. Und es soll auch nicht in Frage gestellt werden, dass Bürger und Medien Vorgänge in Wirtschaft und Politik kritisch verfolgen und kommentieren dürfen und sollen. Was bei uns jedoch heute, in Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Veränderungen und Unsicherheit, bei breiten Bevölkerungsgruppen und spiegelgerecht bei den Medien geschieht, ist ein destruktiver, zerstörerischer Vorgang von „unten’, der nicht ohne Folgen bleiben wird und den wir in wenigen Jahren bitter bereuen könnten. Es ist ein zutiefst trennendes, verurteilendes und verachtendes Denken, das viele Menschen ausgerechnet den Kernbereichen unseres Landes entgegenbringen, aus denen materielles Wohlergehen sowie Sicherheit und Stabilität entspringen, das sind die Wirtschaft, die Verwaltung und die Politik.

Die Basis für den materiellen Wohlstand eines Landes und seiner Bürger ist eine funktionierende und blühende Wirtschaft. Arbeitsplätze fallen nicht vom Himmel, sondern werden geschaffen durch Menschen mit Ideen, Tatkraft, Mut und Organisationstalent. Solche Menschen gründen Firmen und schaffen Arbeitsplätze. Diese Leistung der Wirtschaft wird von weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr gewürdigt. Erfolgreiche Unternehmer werden in Deutschland nicht geliebt. Früher war der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens automatisch mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden. Heute ist das nicht mehr so in einer radikal veränderten Weltwirtschaft, in der das große Wachstum schon seit Jahren nicht mehr in Europa, sondern in anderen Ländern, besonders in Asien und im Nahen Osten stattfindet.

Von dieser globalisierten Wirtschaft, die heute viele gerne kritisieren, haben wir Deutsche jedoch über Jahrzehnte bestens gelebt und tun es immer noch. Deutschland ist seit Jahrzehnten Exportweltmeister. Das heißt, ein relativ kleines Land hat über viele Jahre seinen Wohlstand aufgebaut und gesichert, weil Menschen und Firmen in aller Welt bereit waren, unsere Maschinen, Autos und viele andere deutsche Produkte zu kaufen. Diese anderen Länder, in denen jetzt weit mehr Arbeitsplätze geschaffen werden als bei uns zur Zeit und wo die Wirtschaft mit zweistelligen Zahlen wächst, ist dabei, jetzt ihre Wirtschaft zu entwickeln – und alle großen und viele mittelständische deutschen Firmen sind mit dabei und stellen dort Menschen ein. Ist das zu verurteilen?

Wenn Firmen Arbeitsplätze hier streichen und woanders Menschen einstellen, dann ist das kein Skandal, wie manche glauben, sondern aus Sicht einer Firma oft sinnvoll. Denn in einer Wettbewerbswirtschaft muss jedes Unternehmen, vom einzelnen Selbstständigen bis zum Weltkonzern als erstes darauf achten, dass unter dem Strich Gewinne erwirtschaftet werden.

Und verhalten sich deutsche Wohlstandsbürger denn anders, wenn sie schauen, wo’s am billigsten ist und dort einkaufen. Die ALDIs und LIDLs machen ihren Umsatz ja nicht in erster Linie mit Hartz-IV-Empfängern. Und warum boomen MediaMarkt und Saturn seit Jahren? Weil wir nicht blöd sind und Geiz geil ist. Und wie viele Bürger zahlen denn schon gern ihre Steuern an ihren Staat, an das ‚Gemeinwesen’?

Unser Land spiegelt unser Bewusstsein wider

Vermutlich ist es bereits die Mehrheit in unserer Bevölkerung, die sich nicht mehr bewusst ist, worauf ihr Wohlstand beruht, warum sie ein Dach über dem Kopf und den Kühlschrank voller Essen hat und dass sie in einem Land wohnt, in dem seit über 60 Jahren Frieden herrscht, in dem die Kühlschränke voll sind, in dem man mit dem Auto zum Bäcker fährt, in dem man nachts ohne Angst auf die Straße gehen kann und in dem die Rentner auf die Uni gehen können, um noch einmal zu studieren. Der übergroßen Mehrheit in diesem Land geht es nach wie vor ‚saugut’, auch wenn die Benzin- und andere Preise gestiegen sind. Nur die Angst geht um, dass es mit diesem Wohlstand einmal zu Ende gehen könnte. Wir jammern auf hohem Niveau!

Neben einer negativen Grundeinstellung erleben wir heute eine unglaubliche  Anspruchshaltung, die viele Menschen im (immer noch) Wohlstands-Deutschland ihrem Staat und ihrer Wirtschaft gegenüber an den Tag legen. Es ist eine Erwartungshaltung, die sagt: „Jetzt macht Ihr da oben mal. Löst die Probleme! Seid effektiv! Tut was für euer Geld! Sorgt dafür, dass es uns gut oder besser geht.“

Die Politiker und Manager eines Landes können nicht besser sein als die Bürger eines Landes – und auch nicht schlechter. Wenn wir unser verur-teilendes Denken überwinden, werden wir erkennen, dass es unser aller Bewusstsein ist, dass die Führungskräfte eines Landes erschafft. Wie oben, so unten, wie innen so außen! Alles, was wir in unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wahrnehmen, hat zutiefst mit uns selbst zu tun, mit unserem Bewusstsein, mit unserer Art zu denken, zu sprechen und zu handeln. Wie sieht es zum Beispiel in unseren Familien aus, die ja auch alle kleine Wirtschaftseinheiten sind. Wie viel Harmonie, Solidarität, Mitmenschlichkeit finden wir hier? Neid und Missgunst, Verurteilung und Ausgrenzung prägen das Bild sehr vieler Familien. Spätestens wenn es was zu erben gibt, wissen alle, wie es um die Liebe zwischen Geschwistern bestellt ist. Fast alle kümmern sich um ihr kleines privates Glück und um sonst nichts. Wie es dem Nachbarn geht, wen interessiert das schon?

Besonders Menschen, für die ‚Spiritualität’ kein Schimpfwort ist, dürfen sich als erste dem Gedanken öffnen: Wir sind alle EINS. Es gibt in Wirklichkeit keine Trennung. Was wir tun und erschaffen, das tun wir alle gemeinsam. Und wie es morgen ‚da oben’ aussieht, das wird heute in den Köpfen und Herzen ‚hier unten’ entschieden, im Bewusstsein des Einzelnen. Darum ist jeder von uns voll mitverantwortlich für den Zustand eines Landes wie für den Zustand der Welt. 80 Millionen Deutsche erschaffen und gestalten täglich den Zustand von Deutschland. Sieben Milliarden Erdenbürger erschaffen und gestalten den Zustand der Menschheit.

Wir alle sind Deutschland! Aber das gilt bisher nur bei Fussball-Welt- oder -Europa-Meisterschaften. Bei der WM 2006 entstand erstmals ein Gefühl von Gemeinschaft, ein neues Wir-Gefühl, das ich mir für unser Land insgesamt wünsche. Es war zum ersten Mal seit Jahrzehnten, dass wir Deutsche uns trauten, öffentlich stolz auf uns zu sein und die Freude als Gastgeber mit vielen Nicht-Deutschen zu teilen. Mein Gott, hat die Welt sich gewundert, was die Deutschen für ein fröhliches und freundliches Völkchen sein können.

Stolz sein können auf sein Land, gilt für viele Deutsche immer noch als Tabu, als unanständig. Stolz ist jedoch – für den einzelnen Menschen, wie für das Bewusstsein einer Gemeinschaft – eine wichtige und positive Energie, die nichts mit Überheblichkeit und Trennung zu tun hat. „Dummheit und Stolz wachsen auf gleichem Holz“ haben viele in ihrer Kindheit gehört und bis heute in ihren Knochen. Stolz zu sein auf die eigenen Talente und Schätze und Leistungen hat etwas mit Würdigung und Würde zu tun, mit Wertschätzung und Anerkennung, welche die Wertschätzung der Leistungen anderer keineswegs ausschließt. Im Gegenteil: Wer sich und seinen Wert schätzt, wer Selbstliebe praktiziert, der ermutigt andere, das gleiche zu tun. Die Voraussetzung für eine friedliche Welt der Kooperation und Solidarität ist, dass wir uns selbst lächelnd in die Augen schauen und sagen können: „Ich bin in Ordnung. Und ich liebe mich.“

In Verurteilung liegt Selbstverurteilung

Aus diesem Blickwinkel lässt sich schnell erkennen, dass die Verurteilung anderer immer eine versteckte Selbstverurteilung ist. Manager und Politiker, die sich vor allem selbst bedienen und denen das Gemeinwohl schnurz ist, spiegeln den Verurteilenden nur die Eigenschaften, die sie an sich selbst vehement ablehnen und verdrängen. Das Verurteilen ist bei uns – wie in anderen Ländern - zum Volkssport geworden. Der Verurteilende macht sich jedoch immer selbst zum Opfer. Denn wenn jemand anderes schuld sein soll an meinem Mangel, dann muss der andere – in meinem Denken – auch die alleinige Macht haben, mich aus diesem Mangel herauszuholen. Das Verurteilen gibt also dem anderen die Macht und erklärt mich selbst, den Verurteilenden, zum Ohnmächtigen. Darum ist Ohnmacht verbunden mit Wut und Empörung so weit verbreitet bei uns.

Ich lade jeden ein, wieder seine Schöpferverantwortung zu übernehmen und sich täglich bewusster zu werden, auf welche Weise er seine Lebenswirklichkeit erschafft und gestaltet, in Richtung Frieden oder Konflikt, Verbindung oder Trennung, Fülle oder Mangel. Mit welchen Gedanken stehen wir auf und gehen wir in den Tag. Wie begegnen wir unseren Nachbarn, den Kollegen, dem Chef, den Kunden? Sind wir ‚eines Geistes’? Sind unsere Gedanken und Worte bestimmt von Verständnis, Mitgefühl und Liebe? Manche mögen fragen: „Ich soll meinen Chef lieben? Und meinen Nachbarn? Und die Politesse mit ihrem Strafzettel??“

Meine Antwort: Sie sollen gar nichts. Aber wenn Sie ihn nicht lieben wollen, dann säen Sie den Hass und die Trennung und diese fallen immer auf uns selbst zurück. Und wenn Sie ihn oder sie noch nicht lieben können, dann versetzen Sie sich doch einmal in die Haut des anderen. Öffnen Sie Ihr Herz für alle, die Sie bisher verurteilen und fühlen Sie mit ihnen. Was Sie entdecken werden, wird Sie überraschen. Sie werden nur das fühlen, was Sie selbst sehr gut kennen. Sie werden sich selbst begegnen.

Ein Land ist, wie eine Familie oder eine Firma, eine Einheit, in der jedes Mitglied einen immensen Einfluss hat und damit verantwortlich ist für den Zustand dieser Einheit. Wenn Millionen sich mit diesem Land nicht in bester Weise identifizieren, dann geht es den Bach hinunter. Es sind nicht die Parteien, die Behörden oder andere Strukturen, die ein Land zusammenhalten. Es ist allein das Bewusstsein und die Liebe seiner Bürger zu diesem Land. Nur was du wirklich liebst, kannst du besitzen, nur das gehört dir. Liebe ist der ‚Klebstoff’, der alle Dinge zusammenhält.

Ich bin stolz auf unser Land und auf die Talente und Fähigkeiten so vieler Menschen bei uns.

Es gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben eines jeden Menschen, das auszudrücken und in die Welt zu bringen, was in ihm angelegt ist an Talenten und Schätzen. Hierzu bietet unser Land immer noch sehr gute Möglichkeiten. Ich lade jeden herzlich ein, sich zu besinnen auf ein neues, bejahendes, unterstützendes Verhältnis zu Deutschland und zu einem neuen Denken und Handeln in Gemeinschaft. Fragen Sie sich bitte: Was kann ich in meinem Umfeld, in meiner Firma, in meinem Verein, an meiner Schule, in meiner Gemeinde oder Stadt tun für die anderen und für alle gemeinsam? Wo kann ich meine Verantwortung übernehmen? Wo hat das verurteilende, trennende Denken Mauern aufgebaut zwischen den Menschen und Gruppen und was kann ich selbst ganz praktisch tun für Verstehen, Verbindung, Versöhnung und für ein neues Gemeinschaftsbewusstsein?

Unser Land braucht jetzt jeden von uns. Es braucht unsere Liebe und unser Engagement, unsere Aufmerksamkeit und unser Herz.

Ich wünsche mir sehr, dass wir wieder eines neuen, eines verbindenden Geistes werden; eines Geistes, der sich bewusst ist, dass jeder von uns zum Ganzen und das heißt, zu uns, gehört. Wir sind nicht nur für unser kleines privates Wohl verantwortlich. Wir alle sind dafür mitverantwortlich, was in diesem Land – und natürlich auch in der Welt – geschieht. Wir alle sind täglich Schöpfer und Gestalter dieses Landes, durch unser Denken, Sprechen und nicht zuletzt durch unser Handeln (oder Nicht-Handeln).

Robert T. Betz, Dipl. Psychologe

ROBERT BETZ, 56, arbeitete zunächst als Marketingexperte in Werbung und Industrie. Vor 14 Jahren stieg er aus und schreibt seitdem Bücher, gibt rund 30 Seminare pro Jahr und hält Vorträge, zu denen inzwischen bis zu 800 Zuhörer kommen.

Nähere Informationen unter:
www.robert-betz.de

 

 

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