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Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus

Im Mai 2010 erhielt ich eine Mail von zwei lieben Menschen aus Süddeutschland. Das Ehepaar hatte vor einigen Jahren an unseren Reiki-Seminaren teilgenommen. Nun teilten sie mir mit, dass sie von allen spirituellen Aktivitäten Abstand genommen hätten. Mit dem Thema wären sie durch. Sie hätten ihr höheres Selbst und die geistige Welt „getestet“, und alle wären „mit Pauken und Trompeten durchgefallen“. Dabei hätten sie doch so sehr vertraut! Das Haus einer guten Freundin habe zum Verkauf angestanden, da die Freundin nach Amerika ausgewandert sei. Der Preis für das Haus betrage € 750.000. Da sie nicht über so viel Geld verfügten, hätten sie sich das Haus bzw. das Geld dafür eben gewünscht. In vielen spirituellen Büchern würde das Gesetz der Anziehung beschrieben, demzufolge jeder alles, was er nur wollte, beim Universum bestellen könnte: Reichtum, Gesundheit, eine glückliche Partnerschaft und so weiter. „Wünsche es dir einfach und es wird dir gegeben“, lautet die Botschaft. Gesagt, getan. Jeden Tag hätten sie meditiert und gedanklich Energie in das Projekt gesteckt. Jeden Samstag seien sie in ein Möbelgeschäft gegangen und hätten sich die Einrichtung für das Haus ausgesucht. Sie seien mit dem Gefühl losgezogen, über drei Millionen Euro zu verfügen. So hätten sie sich einen Wohnzimmertisch ausgesucht, der € 6000 kosten sollte. Zwei Jahre lang hätten sie das durchgezogen: Gewünscht, meditiert, vertraut. Alles vergeblich. Um den Jungs und Mädels dort oben die Chance zu geben, ihnen das nötige Kleingeld zukommen zu lassen, hätten sie Lotto gespielt. Sogar während der sechs Wochen, als sie auf einer Pilgerreise waren, hätten sie nicht auf einen gültigen Lottoschein verzichtet. Ohne Erfolg! Niemand aus der geistigen Welt habe sich berufen gefühlt, ihnen bei der Erfüllung ihres Wunsches zu helfen. Nun hätten sie also beschlossen, der geistigen Welt zu kündigen und ohne deren Unterstützung, die ja ohnehin nicht viel wert sei, weiter zu leben. „Es ist etwa 20 Jahre her, dass wir unsere Ausbildung zum Geistheiler absolviert haben, und wir sind noch keinen Schritt weiter…“, lautete der Schlusssatz ihrer Mail.

Im Hier und Jetzt kann nicht gesucht,
sondern nur gefunden werden

„Wohl wahr!“, möchte man meinen. Schließlich führt der spirituelle Weg in die Bewusstheit. Um in dem Bild zu bleiben: Mit der Aufgabe ihrer Pläne gingen sie einen Schritt nach vorne. Die Vergeblichkeit ihres Strebens war ihnen bewusst geworden. Mit der Interpretation der Ursachen jedoch gingen sie wieder zwei Schritte zurück.

Nicht die Kapitulation der Erkenntnis, sondern die Resignation der Enttäuschung ließ sie ihre Wünsche begraben. Sie glaubten an das Versagen der geistigen Welt als Grund für das Scheitern. Die Jungs und Mädels da oben konnten oder wollten ihnen offenbar nicht helfen, dachten sie. Dass es an dem Streben selbst gelegen haben könnte, kam ihnen nicht in den Sinn.

Sie meditierten, um etwas zu erreichen. Ziele sind immer zukunftsorientiert. Meditation hingegen bedeutet, sich in das Hier und Jetzt fallen zu lassen. Der Meditierende gibt die Suche auf. Im Hier und Jetzt kann nicht gesucht, sondern nur gefunden werden.

Spiritualität auf Imbissbuden-Niveau

Spiritualität hat nichts mit Wunscherfüllung zu tun. Das ist ein zurzeit moderner Trip. Viele ziehen derzeit als spirituelle Lehrer durch die Lande und verkünden den Menschen, ihr Glück bestünde darin, sich so viele Wünsche wie möglich zu erfüllen. Für mich sind diese Botschaften – salopp gesagt – spirituelles Fast Food, Esoterik auf Imbissbuden-Niveau (wobei es gerade hier im Ruhrgebiet hervorragende Imbisse, – „Pommes-Buden“ genannt – gibt. Bei deren Inhabern und Mitarbeitern möchte ich mich für den Vergleich vorab entschuldigen!)

Die Prediger der Wunscherfüllung verweisen auf das Gesetz der Anziehung. In ihren Büchern beschreiben viele Menschen, wie sie kraft dieses Gesetzes die Erfüllung ihrer Wünsche bewirkt hätten. Jeder hatte einen anderen Wunsch: Der eine wollte reich werden und ist es geworden. Ein anderer wollte gesund werden und ist es geworden. Ein dritter wünschte sich ein Haus am Meer und hat es bekommen. Ein vierter wünschte sich den Partner seiner Träume und der ist gekommen. Ein fünfter wünschte sich den Job seines Lebens und hat ihn erhalten. Und so weiter und so fort. Die Schlussfolgerung lautet: Alles ist möglich! Jedermann kann alles bekommen, was er sich nur wünscht.

Viele Menschen haben in Europa während der Zeit des zweiten Weltkriegs gelitten. Viele sind verfolgt und getötet worden, viele haben gehungert und gefroren. Waren diese Menschen alle Versager in der Disziplin des Wünschens? Galt das Gesetz der Anziehung für sie nicht? Herrschte zu dieser Zeit nicht die richtige Bewusstseinsschwingung? Waren nicht genug Wunsch- Handbücher im Umlauf? Was war da los?

Richtig ist: Jeder von diesen in den Büchern benannten „Wunschprofis“ konnte nur genau das in sein Leben heranziehen, was er auch beschrieben hatte. Jeder kann nur das heranziehen, was auch für ihn bestimmt ist.

Alle großen spirituellen Lehrer predigten die Hingabe an das Leben. Die Hingabe ist die Gegenrichtung der Anziehung. In diesem Sinne sind viele Schüler der großen Lehrer zurzeit als Geisterfahrer auf der spirituellen Autobahn unterwegs.

Gebote der Achtsamkeit

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus“ lautet eines der zehn Gebote aus dem Alten Testament der Bibel. So wie die anderen neune ist auch dieses ein Gebot der Achtsamkeit. Wer dagegen verstößt, kann in sein inneres Himmelreich nicht gelangen, sprich: kann nicht glücklich werden. Solange ich etwas begehre, was nicht für mich bestimmt ist, empfinde ich Mangel. Achte ich stattdessen (auf) das, was (zu) mir gehört, erkenne ich die Fülle. Das Paar hatte sich für eine Zukunft entschieden, die nicht für sie bestimmt war. Sie wollten Tore öffnen, für die sie keine Schlüssel hatten.

Die Seele führt auf ihrer Reise einen Bund mit vielen Schlüsseln mit sich. Jede Seele hat einen anderen Schlüsselbund. Jeder Schlüssel passt nur auf ein bestimmtes Tor. Einen Universalschlüssel gibt es nicht. Auf ihrem Weg gelangt die Seele immer wieder an Grenzen. Um sie zu überwinden, muss sie durch eines der vielen Tore hindurch, die in dem Mauerwerk der Grenze eingelassen sind. Jedes Tor ist ein Durchgang zu einem Weg. Jeder Weg unterscheidet sich von den anderen. Die Seele muss sich entscheiden: Gehe ich durch dieses Tor oder durch ein anderes? Wie der Weg hinter der Grenze aussieht, weiß sie nicht. Erst wenn das Tor offen ist sieht die Seele, ob der Weg eben oder bergig, geradlinig oder kurvig ist. Solange das Tor geschlossen ist, ist alles möglich: Der Weg kann steil nach oben oder steil nach unten führen, er kann asphaltiert oder erdig sein. Es gibt nur eine Möglichkeit, es herauszufinden. Das Tor zu öffnen und den Weg zu gehen. Dabei gilt: An jeder Grenze darf die Seele nur ein Tor öffnen. Sie kann nicht mehrere Tore öffnen um mal zu sehen, wie es weitergehen könnte. Sobald sie ein Tor geöffnet hat, muss sie den Weg dahinter auch gehen. Erst an der nächsten Grenze erhält sie die Wahl, ein neues Tor zu einem neuen Weg zu öffnen. Jedoch kann die Seele darauf vertrauen, dass jeder Weg, den sie sich eröffnen kann, auch für sie bestimmt ist. Auf jedem dieser Wege kann sie wichtige Erfahrungen machen, die sie in ihrer Entwicklung weiterbringen werden. Es sind alles Wege hin zu ihrer Werterfüllung. Wege, die zu gehen für die Seele vergebens wären, kann sie nicht erreichen. Die Tore zu diesen Wegen bleiben für sie versperrt.

Auch mein Körper ist Teil meiner Bestimmung. Ich bin dazu bestimmt, das irdische Leben eines Menschen zu führen. Mein Versuch, ein Löwe zu sein, wäre vergeblich. Meine Hände sind dazu bestimmt, zu berühren, meine Augen sind dazu bestimmt, zu sehen, meine Ohren sind dazu bestimmt, zu hören. Niemals würden meine Hände danach streben, Füße zu sein, niemals kämen meine Augen auf die Idee, zu singen, niemals käme es meinen Ohren in den Sinn, zu riechen.

In den Tagen, als ich die Mail aus Süddeutschland erhielt, las ich die Briefe, die Dietrich Bonhoeffer aus der Haft an seine Eltern und Freunde geschrieben hatte. Welch eine Diskrepanz bestand zwischen den Inhalten der Briefe Bonhoeffers, der sein Schicksal in der Gefangenschaft tapfer angenommen hatte, und dem Inhalt des Schreibens des Ehepaares, das sich über die Nichterfüllung ihres Wunsches beklagte.

Ich bin mir darüber bewusst, dass es ungerecht ist, beides in einen Zusammenhang zu stellen. Ich mag die beiden sehr. Zudem darf man nicht jedes Problem eines Menschen dadurch relativieren, indem man auf schlimme Schicksale verweist, die anderen widerfahren sind. Nach dem Motto: „Beklag dich nicht, dir geht es im Vergleich zu diesen anderen noch gut…“ In diesen Tagen aber spürte ich das Missverhältnis sehr stark.

Die Briefe Bonhoeffers, die in einem Buch mit dem Titel „Widerstand und Ergebung“ zusammengefasst sind, hatten mich über einige Wochen hinweg begleitet und bewegt. Aus diesen Briefen konnte ich viel lernen. Ich ging in dieser Zeit bewusster mit mir selbst um. Ich ging häufiger als üblich in den Wald  spazieren und genoss bewusst meine Freiheit und die Natur. Ich empfand Dankbarkeit für meine Gesundheit, für meine Freiheit und für die Anwesenheit lieber Menschen in meinem Leben, mit denen ich mich treffen, mit denen ich jederzeit persönlich sprechen und die ich berühren und umarmen konnte, wenn ich es wollte. All das hatte Bonhoeffer in den letzten zwei Jahren seines Lebens nicht. All das haben auch gegenwärtig viele Menschen nicht. In diesen Tagen empfand ich den großen Reichtum meines Lebens. Ebenso reich waren die beiden aus Süddeutschland. Und empfanden es nicht.

Sie strebten nach einem Haus für € 750000 und einem Wohnzimmertisch für € 6000 und beschimpften ihre geistigen Freunde und Helfer als Versager. Welch eine Anmaßung! Welch ein Kontrast zu den Briefen Bonhoeffers! Welch eine Sünde!

Das Wort Sünde bedeutet ursprünglich Verfehlung. Ein Sünder ist nicht voll und ganz anwesend, ein Teil von ihm fehlt. Immer dann, wenn ich mit meinen Gedanken woanders bin, an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit, fehle ich. Ich verfehle den Moment, bin nicht im Hier und Jetzt. Wenn ich danach strebe, ein anderes Leben als das meine zu führen, verfehle ich mein Leben. Wenn ich danach strebe, in einer anderen Welt als der meinen zu leben, verfehle ich meine Welt. Wenn ich danach strebe, eine andere Wahrheit als die meine zu leben, verfehle ich meine Wahrheit. Wenn ich danach strebe, ein anderer als ich selbst zu sein, verfehle ich mich selbst.

Am 19. März 1944 schrieb Dietrich Bonhoeffer in einem „Brief an einen Freund“ folgende Zeilen:

„Wünsche, an die wir uns zu sehr klammern, rauben uns leicht etwas von dem, was wir sein sollen und können. Wünsche, die wir um der gegenwärtigen Aufgabe willen immer wieder überwinden, machen uns – umgekehrt – reicher. Wunschlosigkeit ist Armut. In meiner jetzigen Umgebung finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind; sie hören nicht mehr und sind unfähig zur Nächstenliebe. Ich denke, auch hier muss man leben, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz der sein, der man ist. Es ist merkwürdig, wie sich andere Menschen dann an uns halten, ausrichten und sich etwas sagen lassen. Ich schreibe dir das alles, weil ich denke, dass du in dieser Zeit auch eine sehr große Aufgabe hast und weil du später froh sein wirst im Gedanken daran, dass du sie erfüllt hast, soweit es ging. Wenn man einen Menschen in Gefahr weiß, möchte man ihn ganz als den wissen, der er ist. Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche; das ist es wohl, was ich eigentlich sagen wollte.“

Peter Michael Dieckmann

Info und Kontakt: www.gespraechemitjj.de
Peter Michael Dieckmann, 1961 in Duisburg geboren, ist Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei und hat viele Jahre lang als Zielfahnder gearbeitet. Der ‚knallharte Bulle‘ entdeckte zu seiner eigenen Überraschung auf Reiki-Seminaren die eigene Sensibilität. Heute veranstaltet er als Reikilehrer Seminare und Workshops.

Das Buch zum Thema:
Peter Michael Dieckmann
Bodybuilding für die Seele
Training unserer spirituellen und emotionalen Fähigkeiten
Taschenbuch, Broschur, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-21924-7
Verlag: Goldmann Arkana · € 8,99

 

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