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Vom Entweder-oder zum Sowohl-als-auch

Wie wir uns durch trennendes Denken unglücklich halten

Seit Kindheitstagen werden wir trainiert in trennendem Denken, wir trennen zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch, zwischen normal und unnormal und entscheiden uns, das „Böse, Falsche und Unnormale“ abzulehnen und zu bekämpfen. Wir unterscheiden zwischen Weg A und Weg B und entscheiden uns für Weg A. Zugleich entscheiden wir uns merkwürdigerweise, Weg B abzulehnen und zu bekämpfen und damit auch alle, die diesen anderen Weg wählen, die sich anders entscheiden, als wir. Die sind dann „blöd“, die „spinnen doch“, die sind „nicht mehr ganz normal“ oder sonst was.

Unser traditionelles Denken ist ein Denken in ‚entweder – oder‘. Entweder habe ich Recht oder du, im Zweifelsfall natürlich ich. Der Andersdenkende wird sehr schnell zum Feind, den man bekämpfen oder ausgrenzen will. Das führt zugleich zum Krieg in uns selbst, denn auch in uns gibt es Gegensätzliches und Widerstrebendes.

Wir kommen einfach nicht auf den Gedanken, dass ein ‚sowohl – als auch‘ eher der Wahrheit entsprechen und zu einem friedlichen Weg führen könnte.

„Ich habe recht und du hast auch Recht“, könnten wir sagen. Das klingt für den Verstand verrückt, weil er sich an das ‚entweder – oder‘ so sehr gewöhnt hat. Meine Wahrheit heißt: Immer haben beide recht. Warum? Weil jeder aus seiner Welt kommt, aus der Welt seiner Erfahrungen. Es gibt kein objektives ‚richtig’ oder ‚falsch’. Hören wir doch endlich auf mit dem ‚Recht bekommen und behalten wollen’ und dem ‚entweder–oder’-Denken.

Ich will ordentlich sein
und lehne die Unordnung in mir ab

Die Wahrheit aber heißt, ich bin ordentlich und ich bin auch unordentlich. Und wenn ich mir sage: Und ich darf auch unordentlich sein, ebnet es der Ordnung in meinem Leben den Weg. Das klingt paradox, aber so funktioniert das Leben. Ich bin ehrlich und ich will nicht unehrlich sein. Aber jeder von uns ist auch unehrlich. Wo gibt es den Menschen, der immer die Wahrheit sagt, der immer seiner inneren Wahrheit folgt und der immer alles ausspricht, was ihm innerlich als wahr erscheint. Diesen Menschen gibt es nicht. Wer nur ehrlich und nie unehrlich sein will, der produziert eine Menge Schuld- und Schamgefühle sowie ein schlechtes Gewissen in sich. Denn jemand in uns weiß ganz genau, dass wir nicht immer unsere wahre Seite zeigen und leben.

Wir sind mutige Wesen und wir haben Angst

Wer aber nur mutig sein und seine Ängste ablehnen und wegmachen will und daher verdrängt, der kann nicht wirklich mutig sein, der fördert seine innere Unsicherheit, der schwächt sich selbst. Wenn ich sage: „Ich darf auch Angst haben“ und sich dieser Ängste bewusst ist und sich ihrer bejahend fühlend annimmt, der ist in Wirklichkeit der Mutige und wird seinen Weg erfolgreich gehen.

Wir sind friedlich und auch unfriedlich

Wer seinen eigenen inneren Unfrieden, seine Wut, seine Aggressivität verleugnet und ablehnt, der bekommt Probleme mit dem Leben. Denn das Leben sagt: „In dir ist beides, Harmonie und Aggression.“ Lehne ich Letztere jedoch ab, dann muss sie sich auf andere Weise in meinem Leben zeigen, ob durch meine aggressiven Kinder, durch aggressive Partner, Nachbarn, Kollegen oder notfalls durch beißende Hunde. Jemand anders muss Ihre Aggression für Sie leben und demonstrieren. Daher rührt auch die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen. Unsere Aggression anzunehmen, heißt nicht, dem anderen eine reinzuhauen, wenn es in mir kocht, sondern erst einmal wahrzunehmen, wie viel Wut, Ärger, Unmut in mir schlummern und angenommen werden wollen.

Wir sind sowohl stark als auch schwach

Wer aber sein Schwachsein – in welcher Form auch immer – ablehnt, der gerät mit dem Leben in Konflikt. Wer ein Leben lang immer nur den Starken spielt, nie die Kontrolle abgeben will, sich nie jemandem mit seiner inneren Schwäche, seiner Verletzlichkeit und seinen unerfüllten Sehnsüchten offenbaren kann, den muss das Leben zwingen, die Schwäche zu leben. Solche Menschen verbringen meist die letzten Jahre ihres Lebens als Pflegefall, bettlägerig, vollkommen abhängig. Das schmerzt, sich den Hintern von jemandem abwischen und sich füttern lassen zu müssen, nachdem man doch so viele Jahre so stark war, besser sich so angestrengt und zusammen gerissen hat. Das ist dann keine Strafe des Lebens, sondern nur die Erfüllung einer Gesetzmäßigkeit des ‚sowohl – als auch‘.

Wir machen uns zum Opfer – durch Verurteilung

Eine der verbreitetsten Varianten des trennenden Denkens ist es, sich zum Opfer anderer zu machen. Natürlich macht das niemand bewusst, aber dies ist so verbreitet in unserer Gesellschaft, dass kaum jemand wahrnimmt, wie dies abläuft. Wir machen uns immer dann zum Opfer anderer, wenn wir sie verurteilen und sie dafür verantwortlich machen, dass es uns nicht gut geht.

Die meisten Menschen fühlen sich zum Beispiel als Opfer ihrer Eltern und deren Fehler. Es denkt in ihnen: „Das hätten sie nicht machen dürfen. Dort haben sie als Mutter oder als Vater versagt. Wenn das damals nicht gewesen wäre, ginge es mir heute besser...“ usw. Egal, wie hart Ihre Kindheit war, ob Sie geschlagen oder missbraucht wurden, ob sie zwanzigmal mit Ihren Eltern umziehen mussten, oder Sie zu anderen abgeschoben wurden, ob Ihr Vater die Familie im Stich gelassen hat oder der ältere Bruder oder die jüngere Schwester immer bevorzugt wurden… es ist geschehen, ja. Und Sie haben als Kind darunter gelitten, ja. Aber dass Sie heute, nach zehn, zwanzig oder vierzig Jahren immer noch darunter leiden, das hat mit Ihrer Kindheit und Ihren Eltern nichts zu tun. Das machen Sie selbst, und zwar durch Ihr Denken über das, was geschah.

Hierbei interessiert zunächst einmal nicht, warum dies und jenes geschehen ist. Fakt ist, dass die meisten Kinder in ihren Familien leidvolle Erfahrungen gemacht haben, sei es durch Liebesentzug, Ver­nach- lässigung, Überforderung, Kaltherzigkeit, Schläge, Alleingelassen-Werden, Ignoriert-Werden und körperlichen oder seelischen Missbrauch. Ja, das war für das Kind hart und nicht selten entsetzlich. Aber egal wie schlimm diese Jahre waren – sie sind lange vorbei. Solange wir aber unseren Eltern oder dem Leben vorwerfen, dass es so und nicht anders war, verlängern wir das Leiden der Kindheit in uns selbst bis heute. Wir denken uns bis heute als ‚Opfer’ unserer Eltern und verlängern damit die Opfererfahrungen bis heute.

Wer als Kind oft geschlagen wurde und kann dies seinen Eltern noch nicht vergeben, wird im Geiste, in seinen Gedanken und Gefühlen auch heute noch von ihnen geschlagen. Genauer: es schlägt sich selbst damit. Es denkt in ihm: „Meine Eltern waren schlecht. Ich habe unter ihnen leiden müssen. Darum geht es mir heute nicht gut.“ Dies aber ist nicht wahr. Es geht uns heute deshalb nicht gut, weil wir diesen ganzen Vorgang nur mit unserem Verstand, aber nicht mit unserem Herzen betrachten.

Die Beziehung als Bühne für Leidwiederholung

Jeder von uns hat seine Kindheit überlebt, die für viele nicht leicht war. Aber wir haben sie überlebt und wir haben heute alles in uns, um ein glückliches, liebevolles Leben zu führen. Solange wir aber noch nicht mit dem Herzen verstehen und vergeben, was damals geschah, sitzen wir heute noch innerlich im Gitterlaufstall, liegen noch einsam und allein in unserem dunklen Zimmer, werden wir heute noch im Geiste geschlagen oder missbraucht, fühlen wir uns noch heute im Stich gelassen und gedemütigt.

Wer sich auf diese Weise im Innern als Opfer fühlt, wiederholt in seinem Leben sehr oft die leidvollen Opfererfahrungen von damals. Mädchen, die geschlagen wurden, ziehen schlagende Männer an und schlagen ihre Kinder nicht selten. Jungen, die sich ohnmächtig ihrem tyrannischen Vater ausgeliefert fühlten, suchen sich unbewusst Chefs, die ihrem Vater ähneln. Unsere Mann-Frau-Beziehungen sind die große Bühne, auf der die Verletzungen der Kindheit erneut aufgeführt werden, wieder und wieder, bis wir begreifen, dass mein Mann nicht mein Vater, meine Frau nicht meine Mutter ist. In den meisten Beziehungen begegnen sich kleine verletzte Mädchen und kleine verletzte Jungen und verletzen und enttäuschen sich immer wieder aufs Neue, bis sie begreifen, wie sie sich selbst immer wieder zum Opfer machen. Auf ihrer Stirn steht unsichtbar: „Ich will Opfer sein, sei du der Täter!“

Seit wir zu Hause auszogen, sind wir frei!

Jede Verurteilung eines anderen Menschen macht mich selbst zu seinem Opfer. Denn die Verurteilung erklärt den anderen immer zum Täter und wo ein Täter ist, muss es ein Opfer geben. Dieser Gedanke, dass wir uns selbst zum Opfer eines anderen machen, ist den meisten Menschen sehr unangenehm. Mehr als einmal habe ich den Kommentar gehört. „Der und der ist zwar ein Arsch, aber ich bin doch nicht sein Opfer!“ Doch, das sind wir dann. Wir verurteilen den Ex-Partner und sind damit im Innern noch immer sein Opfer. Wir verurteilen die Wirtschaft und die Politiker und fühlen uns folglich als ihr Opfer. Wir verurteilen den Stau auf der Autobahn und fühlen uns als sein Opfer. Begreifen wir doch endlich: Jede Verurteilung von was und von wem auch immer – produziert nur schmerzvolle Leiderfahrung, heißt Ärger, Wut, Ohnmacht usw. in uns selbst. Wir sind nie Opfer, sobald wir das Elternhaus verlassen haben, sondern meist unbewusste Schöpfer. Wer sich seiner schöpferischen Kräfte nicht bewusst ist, deren er sich täglich durch sein Denken, Sprechen und Handeln bedient, der wird sich auch weiterhin immer wieder oder chronisch schlecht fühlen in seiner Haut und in seinem Leben.

Solange wir bei unseren Eltern oder einem Elternteil lebten, waren wir abhängig, d.h. nicht frei zu tun und zu lassen, was wir wollten. Seit wir jedoch ausgezogen sind, sind wir freie Menschen. Nur sind wir uns dieser Freiheit nicht bewusst und nehmen sie nicht in Anspruch. Wir fühlen uns unfrei und glauben, das Leben bestände aus vielen Zwängen. Solange wir so über das Leben denken, können wir es nicht anders wahrnehmen. Wer jeden Tag aufs Neue denkt: „Das Leben ist nicht schön. Das Leben ist hart, ungerecht, schwer, usw.“ – muss das Leben auch so erfahren. Er kann die Wahrheit noch nicht sehen und erleben, die da heißt: „Das Leben meint es nur gut mit dir. Es bietet dir täglich eine Vielzahl von Geschenken an. Und jeden Tag viele Gelegenheiten frei zu entscheiden, wer du sein willst und was für ein Leben du leben willst. Du hast die freie Wahl!“

Robert T. Betz, Dipl. Psych.

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