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Die Depression, die aus dem Darm kommt

Über die körperlichen Ursachen von Depressionen

Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen. Heute sind weltweit rund 121 Millionen Menschen davon betroffen. In Deutschland zählen Depressionen zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und sind die Hauptursache für Selbstmorde. Viel diskutiert werden psychische Ursachen wie Traumata oder schwere Schicksalsschläge als Auslöser oder Ursache für Depressionen. Gängige Behandlungsformen sind sowohl medikamentöse Therapien mit beispielsweise Antidepressiva als auch psychotherapeutische Maßnahmen – mit unterschiedlichen Erfolgen. Wenig bekannt ist, dass Depression auch eine körperliche Ursache haben kann. Und die sitzt im Darm.

Öko-System Darm

Unser Darm bildet ein einzigartiges Öko-System. Nicht nur über Haut und Atmung treten wir mit unserer Umwelt in Kontakt, sondern – durch die Nahrung, die wir zu uns nehmen – auch über den Darm. Die enorme Bedeutung, die er hat, veranschaulichen folgende Zahlen: Die Oberfläche der Haut beträgt 1-2 m2, die der Bronchialschleimhaut 100 m2 und die der Darmschleimhaut 400-500 m2, das entspricht der Größe eines halben Fußballfeldes! Die Darmschleimhaut trägt besondere Aufgaben, denn sie kommt nicht nur mit lebenswichtigen Nährstoffen und Energielieferanten in großen Mengen in Kontakt, sondern auch mit zahlreichen Fremdkeimen und Krankheitserregern. Für Nährstoffe muss sie durchlässig sein – für Erreger hingegen eine undurchdringliche Barriere bilden. Deshalb beherbergt unsere Darmschleimhaut auch 80% unserer gesamten Immunzellen! Dies zeigt, wie wichtig eine gesunde Darmschleimhaut für die Gesundheit des ganzen Menschen ist.

Bauchgehirn ist kein Hirngespinst

Zudem wird unser Darm von mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllt. Sie steuern die Darmmuskulatur und gewährleisten den Transport unserer Nahrung – und sie sind die Haupt-Informationsquelle bezüglich unseres körperlichen Wohlergehens für unser Gehirn! Der Begriff „Bauchgehirn“ kommt daher nicht von ungefähr: 90% der Informationen verlaufen vom „Darmhirn“ in die Schaltzentrale Kopf, aber nur 10% in umgekehrte Richtung. Dies ist sicherlich auch einer der Gründe, warum der Darm so sensibel auf Gefühle und Stress reagiert. Viele Menschen leiden unter einem so genannten Reizdarm mit Bauchschmerzen, Durchfall und / oder Verstopfung. Oft verbergen sich dahinter Probleme, die erst einmal „verdaut“ werden müssen.

Botenstoffe aus dem Darm

In der Darmschleimhaut ist nicht nur 80% unseres Immunsystems beheimatet, hier sitzen auch jene Zellen, die lebenswichtige Botenstoffe für unseren Körper herstellen, beispielsweise werden 95% des Neurotransmitters „Serotonin“ in der Darmschleimhaut gebildet. Serotonin ist im Volksmund auch als Glückshormon bekannt. Und nicht nur das: dieses Hormon steuert auch unser Schmerzempfinden! Je mehr Serotonin, desto unempfindlicher reagieren wir auf körperliche Schmerzen.

Unterschwellige Entzündungen spielen bei Serotonin-Mangel die Hauptrolle

In unserem Körper, insbesondere im Darm, finden oft über Jahre hinweg völlig unbemerkt schleichende Entzündungsprozesse statt. Diesen Entzündungsprozessen versucht der Körper mittels der Aminosäure Kynurenin entgegenzuwirken, für deren Bildung er Tryptophan benötigt. Das Fatale daran ist, dass für die Serotonin-Bildung ebenfalls Tryptophan benötigt wird, was bedeutet: Werden im Körper Entzündungen bekämpft, ist die Serotonin-Bildung eingeschränkt oder sogar nicht mehr möglich. Das erklärt, warum Erkrankungen, die mit chronischen Entzündungen einhergehen, häufig depressive Verstimmungen mit sich bringen und bei jahrelanger Dauer sogar zu massiven Depressionen führen! Man denke nur an chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa oder an auch Rheuma und Neurodermitis. Kein Wunder, dass es den Patienten mit zunehmender Krankheitsdauer auch psychisch immer schlechter geht. Doch diese Beschwerden werden oft nicht ernst genommen.

Die richtigen Bausteine müssen her

Wenn dem Körper nicht alle Bestandteile zur Bildung von Serotonin zur Verfügung stehen oder die Vorstufe des Serotonins „Tryptophan“ verbraucht wird, um unterschwellige Entzündungprozesse im Körper oder in der Darmschleimhaut entgegenzuwirken, nützt eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Therapie mit Psychopharmaka nicht viel: Hier muss der Darm saniert werden und die Ursache auf der körperlichen Ebene beseitigt werden.
Bausteine zur Bildung von Serotonin bzw. dessen Vorstufe Tryptophan (sog. Co-Faktoren) sind u.a. Vitamin B6 und B3, Folsäure, Eisen und Kupfer. Deshalb ist auch ein chronischer Vitamin B-Mangel manches Mal Ursache für eine darmassoziierte Depression. Hier fehlt dem Körper schlichtweg ein wichtiger Baustein zur Tryptophan- bzw. Serotoninbildung. Vitamin B-Mangelzustände können nicht nur ernährungsbedingt sein, auch eine kranke Darmschleimhaut (beispielsweise durch chronische Entzündung) ist irgendwann nicht mehr in der Lage, Vitamine, Mineralstoffe, ja Nährstoffe im Allgemeinen aufzunehmen und in den Körper zu schleusen. Hier verhungern wir quasi am voll gedeckten Tisch.

Serotonin – Stimmungs- und Müdemacher

Wenn der Serotoninspiegel sinkt, kippt nicht nur unsere Stimmung, auch Schlafstörungen können hier ihre Ursache haben: Serotonin wird zu Melatonin (unser „Schlafhormon“) verstoffwechselt. Wenn es aber kein Serotonin gibt, gibt es auch kein Melatonin! Weiterhin hat Serotonin auch einen Einfluss auf die Nebennierenrinde, die das Stresshormon „Cortisol“ bildet. Ohne Serotonin fehlt auch das „Stopp-Signal“ (inhibitorischer Effekt), das die Bildung des Stresshormons bremst, weshalb es von der Nebennierenrinde fleißig weiter produziert wird. Die Folge sind wiederum Schlafstörungen.

Anti-Baby-Pille

Die Einnahme der Anti-Baby-Pille hat häufig erhöhte Reizbarkeit oder Depressionen zur Folge (siehe Beipackzettel). Das Östrogen in der Pille beeinflusst das Zusammenspiel von Vitamin B6 mit verschiedenen Aminosäuren, die für die Bildung von Serotonin notwendig sind. Auch eine solcherart entstandene Depression hat also nichts mit „Psyche“ zu tun.

Obst ist ja so gesund – oder?

Ein weiterer Grund für eine darmassozierte Depression kann auch eine unerkannte Fruktose-Unverträglichkeit sein. Hierbei nimmt die Fähigkeit Fruktose (Fruchtzucker) aufzunehmen mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab, was z.B. die Altersdepression erklären kann. Aber auch jüngere Menschen können unter dieser speziellen Mangelerscheinung leiden. Wenn ein Enzym namens „Glut-5“ nicht in ausreichendem Maße in der Darmschleimhaut vorhanden ist, kann Fruktose nicht in den Körper gelangen, sondern bleibt im Darm. Hier bildet sie einen Komplex mit Tryptophan, das dann auch in diesem Fall für die Serotoninbildung nicht mehr zur Verfügung steht.

Einfache Blut- und Urinuntersuchun-gen können heute Aufschluss darüber geben, wie es um unsere Serotonin-Bildung, Tryptophanverstoffwechselung und die zur Bildung von Serotonin wichtigen Co-Faktoren wie Vitamin B und andere Mikronährstoffe in unserem Körper bestellt ist.

Der Missing Link zwischen Körper und Psyche

Alles in Allem stellt der Tryptophanstoffwechsel den „Missing link“ zwischen somatischen (körperlichen) und psychischen Erkrankungen dar. Leider findet diese wissenschaftlich gut begründete Erkenntnis keinen Einzug in unsere Kassenmedizin. Als Selbstzahler müssen Patienten daher mit einem Laborkostenaufwand zwischen € 100 und 200 rechnen. Privat- oder zusatzversicherte Patienten bekommen die Kosten für Labor und Leistung des Arztes oder Heilpraktikers je nach Vertrag meist erstattet.

Es bedarf einer gründlichen Anamnese, um auf die richtige Spur zu kommen, und das braucht Zeit! Doch es ist eine Zeitinvestition, die sich lohnt, denn sie kann für viele das Ende eines oft jahreslangen Leidenswegs bedeuten.

Ulrike Ahnert, Heilpraktikerin

Weitere Informationen:
Naturheilpraxis Wegberg
Tel. 02434-925 31 96
www.naturheilpraxis-wegberg.de

Die in diesem Artikel angeführten Regelkreisläufe wurden in zahlreichen wissenschaftlichen Studien untersucht und dokumentiert. Sie hier sämtlich aufzuführen, hätte den Rahmen gesprengt, weshalb die entsprechenden Quellennachweise nur bei der Autorin einsehbar sind.

 

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