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Wenn Partner fremdgehen

Über den spirituellen Wert sexueller Seitensprünge

Das sogenannte Fremdgehen gehört zu den spannendsten Aspekten rund um Beziehung und Partnerschaft. Fremdgehen lässt kaum einen kalt, obwohl es ganz viele tun. Sie nicht? Vielleicht tut es Ihr Partner für Sie?

Wer mag wohl dieses Wort kreiert haben: ‚Fremd gehen‘. Ich bin überzeugt, dass die meisten Fremdgeher nicht mit Fremden ins Bett gehen, sondern mit Menschen, die ihnen sehr wohl bekannt sind. Also wie wär’s mit: ‚Bekannt gehen‘. „Bist du gestern Abend schon wieder bekannt gegangen?“ – Entschuldigen Sie, dass ich mir bei solch einem ernsten Thema Spaß erlaube. Dabei bin ich überzeugt: Hätten die Menschen mehr Spaß beim Sex, wäre Fremdgehen oder Bekanntgehen kein großes Thema.Sex scheint bei vielen aber immer noch eine bierernste Angelegenheit zu sein. Und wenn einer fremdgeht, und es kommt raus, dann bricht der Notstand in der Beziehung oder Ehe aus.

Das Fremdgehen ist immer sinnvoll

Ich möchte behaupten: Das Fremdgehen ist immer eine sehr sinnvolle Angelegenheit. Ja, wirklich. Es gibt kein sinnloses Fremdgehen, genauso wenig wie irgendetwas auf dieser Welt sinnlos ist. Alles hat einen Sinn; ob wir ihn erkennen können und wann, das ist eine andere Frage. Das Fremdgehen macht immer für beide Sinn; für den, der mit einem anderen als dem Beziehungspartner ins Bett geht, als auch für den, wie viele immer noch sagen, ‚Betrogenen‘. „Er oder sie hat mich betrogen“, denkt es immer noch in vielen, die erfahren, dass ihr Partner mit jemand anderem im Bett war. Aber ist das wirklich wahr? Ich möchte hiergegen die These wagen: Er oder sie ist nicht betrogen, sondern beschenkt worden. Ob und wann der Betrogene sein Geschenk allerdings annehmen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Vielleicht gehören Sie zu denen, die in ihren letzten Beziehungen schon des Öfteren mit Partnern zusammen waren, die während Ihrer Beziehung mit einem Dritten Sex hatten. Aber gehören Sie auch zu denen, die sich fragen, warum Ihnen das passiert ist bzw. immer wieder passiert? Warum ziehen Menschen immer wieder Partner an, die ihnen sexuell nicht treu sind? Meine Antwort hierauf lautet: Weil sie diese Erfahrung brauchen. Und weil sie diese Erfahrung nutzen können für sich, um Wesentliches über sich selbst und das Leben zu erfahren und damit spirituell zu wachsen.

Fremdgehen als spiritueller Wachstumsfaktor?

Ja, genau!

Immer noch glauben viele, der wesentliche Sinn des Paarseins bestehe darin, gemeinsam Glück und Harmonie zu erleben. Aber stimmt das wirklich? Wenn in einer Beziehung zwei hungrige Kinder zusammen kommen, bei denen sich jeder danach sehnt, der andere möge ihn glücklich machen, kann weder Glück noch Harmonie entstehen, sondern eher das Gegenteil. Wie Osho so schön formulierte: „Wenn zwei Bettler zusammenkommen und sich gegenseitig in die Tasche greifen, stellen sie erstaunt fest, dass der andere auch nichts zu geben hat.“ Die Suche und Sucht nach Liebe, Aufmerksamkeit, Bestätigung und Sicherheit ist auch heute noch immer das häufigste Motiv, warum Menschen eine Partnerschaft oder Ehe eingehen, auch wenn am Anfang meist der Eros steht. Das muss zu Enttäuschung führen und das ist gut so. Denn durch die Enttäuschung kann die Täuschung, der Irrtum aufgedeckt werden, welcher der Beziehung zugrunde liegt.

Unser Partner geht für uns fremd

Worin liegt der Sinn von Partnerschaft? Der Sinn von Partnerschaft oder Beziehung besteht für mich zunächst einmal darin, mit dem anderen Erfahrungen zu machen, die ich mit mir allein nicht machen kann. Ganz besonders geht es darum, Gefühle zu fühlen, die ich sonst nicht herankomme. Und wir sind hier auf dieser Erde, um vor allem dies zu machen: intensive Gefühlserfahrungen. Das gehört zum größten Abenteuer und Reichtum des Menschseins, völlig unabhängig davon, ob wir diese Gefühle als angenehm oder unangenehm empfinden, wenn sie in uns auftauchen.

Um welche Gefühle geht es beim ‚Fremdgehen‘? Um Eifersucht, Wut, Ohnmacht und Angst; nicht beim Fremdgeher, sondern bei seinem Partner, der diesmal nicht mit ihm im Bett war. Die Reaktion des ‚betrogenen‘ Partners macht das Fremdgehen überhaupt erst zu einem Thema. Nicht wenige Morde sind in der Geschichte aus dem Motiv Eifersucht und Rache heraus schon begangen worden. Da so viel Ladung im Spiel ist, wenn jemand fremdgeht und es der andere erfährt, lohnt es sich, dieses Thema ganz besonders unter spirituellen Gesichtspunkten anzuschauen.

Wenn unser Partner fremdgeht, dann tut er das nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für uns, der von seinem sexuellen Außendienst emotional betroffen ist. Ja, Ihr Partner geht auch für Sie fremd. Und das ist nicht zynisch gemeint.

Was haben Sie davon, dass er oder sie fremdgeht?

Erstens legt er mit seinem Verhalten seine Finger in eine alte Wunde in Ihnen. Ich nenne sie die Verlassenheitswunde. Viele von uns haben in Kindheit und Jugend wiederholt oder chronisch die Erfahrung gemacht, sich nicht geborgen, geliebt und sicher zu fühlen. Die nächsten Menschen unserer Umgebung – selbst im Innern verletzte, verlassene Kinder – konnten uns nicht beständig und ohne Bedingungen lieben. Wir wurden geliebt, wenn wir Erwartungen, Wünsche und Forderungen erfüllten. Wenn wir das nicht taten, wurde Liebe entzogen oder bestraft. Das hat geschmerzt und eine Wunde hinterlassen, die bis heute nicht geheilt ist. Die Mädchen waren oft noch heftiger betroffen hiervon, weil es die Väter waren und sind, die mehr oder weniger durch Abwesenheit glänzen. Waren diese physisch anwesend, empfand das Kind oft seine emotionale Abwesenheit auf unangenehme Weise.
Und für nicht wenige Mädchen war Papa in den frühen Jahren der Kindheit sehr zugänglich oder sehr nah, zog sich jedoch abrupt zurück, als seine Kleine begann, sich zur Frau zu wandeln. Viele Frauen schildern diesen Vorgang als krasse Erfahrung des Verlassen-Werdens, die Enttäuschung, Wut und Schmerz auslöste.

Egal aber ob Junge oder Mädchen: die meisten Erwachsenen laufen mit dieser Verlassenheitswunde durch die Welt und mit der Sehnsucht, endlich doch noch die ersehnte Sicherheit und Liebe zu finden. Sie kommen mit einem geliebten Menschen zusammen und müssen über kurz oder lang erfahren: Schon wieder bin ich verlassen und enttäuscht worden. Solche wie andere Enttäuschun-gen können nur auftreten, wenn ich mich vorher getäuscht habe. Die Täuschung besteht darin zu hoffen, die eigenen Ängste, verlassen und verletzt zu werden, könnte mir ein guter und sexuell treuer Partner nehmen. Das ist unmöglich. Sie können sie vielleicht zeitweise verdrängen, aber so heilt keine Wunde. Der Fremdgeher löst also durch sein Verhalten im anderen Emotionen aus, die dieser oft lange unter Verschluss hielt und die er bis heute nicht bejahend annehmen konnte.

Ich kann mich nur selbst verletzen

Zweitens erlaubt mir die Erfahrung, dass mein Partner fremdgeht, meinem eigenen Denken und Verhalten mir selbst gegenüber auf die Schliche zu kommen. Denn die Gedanken des Menschen über sich selbst, der ob des Fremdgehens seines Partners enttäuscht und verletzt reagiert, nicht selten panisch ausrastet, sind alles andere als wohlmeinend und von hoher Selbstwertschätzung geprägt. Die Erfahrung des ‚Betrogen-Werdens’ erlaubt mir zu erkennen, wie abwertend ich bisher über mich selbst gedacht und wie lieblos ich mich selbst oft behandelt habe. Denn wer gelernt hat, sich selbst in großer Selbstachtung, Respekt und Wertschätzung zu begegnen, den haut die Nachricht über die sexuellen Außenaktivitäten seines Partners nicht vom Hocker; dieser Mensch kann in Ruhe bei sich bleiben und bewusst wahrnehmen und wählen, wie er hierauf reagieren will.

Es ist nicht das Fremdgehen des Partners, was in Wirklichkeit unseren Schmerz verursacht, sondern unsere selbst-feindliche, destruktive Art auf diese Nachricht zu reagieren. Wie reagieren die meisten Menschen hierauf? Blitzschnell – ohne dass sie diesen Vorgang bewusst wahrnehmen – denkt es in ihnen Gedanken wie: „Ich bin ihm/ihr also nicht attraktiv genug. Ich habe es nicht geschafft, ihn/sie zu halten. Ich habe versagt. Ich bin es nicht wert. Die Welt ist ungerecht zu mir. Ich habe eben Pech in Beziehungen...“ Mit solchen Gedanken verletzten wir uns selbst und das tut weh. Niemand kann uns in Wirklichkeit verletzen. „Du kannst dich nur selbst verletzen“, heißt so schön in „Ein Kurs in Wundern“.

Das Fremdgehen meines Partners ist also zugleich auch ein Test darüber, wie sehr ich mich selbst liebe und zu mir selbst stehe. Bohre ich mit dem Messer meiner Selbstvorwürfe oder Opfergedanken in mir herum? Oder kann ich mich bewusst meinen Gefühlen von Wut, Ohnmacht, Trauer u.a. stellen und diese bejahend fühlen und verwandeln? Kann ich meine Gedanken zu diesem Vorgang bewusst anschauen und überprüfen, ob sie wahr sind?

Unser Glück hängt nie davon ab, was der andere tut oder nicht tut, ob er fremdgeht oder nicht. Es hängt einzig und allein davon ab, wie ich auf das, was geschieht re-agiere in meinen Gedanken, Gefühlen, Worten und Handlungen.

Was wir über die anderen denken, so begegnen sie uns

Drittens kann mir die Erfahrung mit fremdgehenden Partnern die Möglichkeit bieten, mir mein Verhältnis und meine Gedanken über das andere Geschlecht, über die Männer oder über die Frauen genauer anzuschauen. Erinnern Sie sich doch mal: Wie hat Ihre Mutter zuhause über Ihren Vater gesprochen? Wie hat sie über die Männer gesprochen, was hat sie von ihnen gehalten? Und können Sie selbst als Frau sagen: „Ich liebe die Männer!“ oder als Mann „Ich liebe die Frauen!“? Es lohnt sich, uns unsere meist unbewussten – oft verurteilenden und abwertenden – Einstellungen zu Männern wie zu Frauen aufzudecken. Wenn der Vater schon in den Augen der Mutter unzuverlässig war oder immer ausgebüchst ist, dann übernimmt die kleine Tochter ein Bild und eine Meinung von Männern, die zum Beispiel heißt: „Auf Männer kannst du dich nicht verlassen.“ Oder: „Männer wollen immer...“ Eine erwachsene Frau, die gelernt hat, so zu denken, kommt einfach nicht umhin, solche Männer immer wieder in ihr Leben zu ziehen, denn wie heißt es so schön: Nach deinem Glauben geschehe dir. Oder: Wie du über die anderen denkst, genauso begegnen sie dir.

Viele Menschen denken immer noch: Am Fremdgehen scheitern viele Beziehungen. Dies ist eine auf den Kopf gestellte Welt, denn tatsächlich ist noch keine Beziehung der Welt am Fremdgehen gescheitert. Höchstens an den falschen Ansprüchen und Erwartungen der Partner, die sich des hungrigen Kindes in ihnen sowie ihrer verurteilenden und abwertenden Gedanken sich selbst wie dem anderen Geschlecht gegenüber nicht bewusst waren. Allein das Wort ‚Scheitern‘ ist eine Unwahrheit, die Schmerz auslöst und vertieft. Nach zehn- oder zwanzigjähriger Beziehung oder Ehe sagen Menschen resigniert: „Unsere Beziehung ist gescheitert“ – oft nachdem ein oder mehrere gesunde Kinder daraus hervorgingen.

Ob zwei Partner nach einem Jahr oder nach zwanzig Jahren auseinandergehen; sie haben dann wertvolle Erfahrungen gemeinsam gemacht, schwere und leichte, liebevolle und lieblose, aber immer Wertvolle. Ob sie den Wert sehen und nutzen können für sich und das weitere Leben, das steht auf einem anderen Blatt. Beziehungen sind immer auf Zeit angelegt, ob unser Verstand das wahrhaben möchte oder nicht. Egal ob sie zehn Jahre oder fünfzig Jahre dauert, eine Beziehung ist immer eine zeitlich begrenzte. Auch wenn sie ein Leben lang hält, ist dies ein Wegabschnitt. Das Leben ist ständige Veränderung und ständiges Weitergehen. Wie sagt Hermann Hesse so schön: „...Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“ (aus dem Gedicht „Stufen“ im Glasperlenspiel)

Robert T. Betz, Dipl.-Psychologe

Robert Betz verbindet auf einzigartige Weise Psychologie und Spiritualität. Er ist Bestseller-Autor und sehr erfolgreicher Seminar-Leiter und Referent.

Weitere Informationen unter
www.robert-betz.de

 

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