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Wirbelsäulen- und Gelenk-Qigong

Chan Mi Gong

Ein Yin-Qigong als Quelle des Yang

Die Wirbelsäule gilt als Hauptachse des menschlichen Körpers. Mit der Wirbelsäule steht, fällt, krümmt sich oder bricht der Mensch zusammen. Man kann die Wirbelsäule auch als energetisch-göttliche Achse zwischen Himmel und Erde bezeichnen, als Energie-Kanal, in dem wundersame Dinge geschehen. Kontinuierlichen Bewegungen wie im Chan Mi Gong führen zu einer verstärkten Beweglichkeit und Geschmeidigkeit der Wirbelsäule und der Gelenke und können bei allen Übenden Rücken-, Kopf- oder Rheuma-Schmerzen, emotionale Blockaden, Beschwerden in den Sinnesorganen und des Magen-Darm-Traktes und andere chronische Krankheiten lindern, regulieren oder heilen. Im Chan Mi Gong wird die Wirbelsäule als göttlich-kosmische Himmels-Erdachse bzw. -Kanal betrachtet, denn sie steht in direkter Verbindung zu den göttlich-kosmischen Kräften des Himmels und der Erde.

Was ist Chan Mi Gong?

Chan Mi Gong (auch Chan Mi Qigong genannt) geht ursprünglich aus den Lehren des Diamant Qigong/Tantrayana oder Jingganggong hervor. Die heutige Bezeichnung Chan Mi Gong steht für den chinesischen Zen-Buddhismus »Chan« und die tibetische »Mi«-Schule und wurde bis vor etwas 30 Jahren ausschließlich in geheimer (mi) Überlieferung weitergegeben. Wir verdanken es dem 2004 verstorbenen Großmeister und Linienhalter der Chan Mi Gong Schule, Liu Han Wen, dass er das geheim gehaltene Wissen in Form von Skripten Ende der Siebziger Jahre aufgezeichnet hat und sie 1989 über Ursula Stummvoll nach Deutschland brachte.
Chan Mi Gong ist äußerlich ein weiches Qigong, in dem die Wirbelsäule, alle Gelenke und der gesamte Körper wellenartig bewegt werden. Daher wird es auch gerne Wirbelsäulen- und Gelenk-Qigong genannt. Die weichen, fließenden Bewegungen entsprechen dem Yin, der »Quelle des Yang«. Das erwachende Yang beim Chan Mi Gong wird aus dem Yin geboren und führt zu einer starken Wirbelsäule, einer kraftvollen Himmels-Erd-Säule und einer von großer geistiger Kraft getragenen Anbindung an die grenzenlosen Himmels- und Erdkräfte und deren göttlichen Yin- und Yang-Manifestationen. Das Aktivieren des Qi in der Wirbelsäule reguliert u. a. das Zentrale Nervensystem (z. B. bei MS, Parkinson, Morbus Bechterew) und kann sich positiv auf Haltungsstörungen, Rückenschmerzen, Erkrankungen der inneren Organe und auch psychischen Störungen auswirken. Die sanften Bewegungen führen zu mehr Beweglichkeit und Geschmeidigkeit. Auf einer feineren Ebene können Praktizierende eine Verbindung zum kosmischen Qi/Licht aufnehmen, Energiekanäle und Chakren öffnen und auf eine höhere Bewusstseinsebene gelangen. Chan Mi Gong unterscheidet sich von vielen anderen Qigong-Formen hauptsächlich in 5 Punkten:

1. Bei allen Formen des Chan Mi Gong wird die Wirbelsäule und alle Gelenke kontinuierlich sanft und weich bewegt und damit der gesamte Körper mit einbezogen. Dies kann eine sehr heilende Wirkung auf das gesamte Knochengerüst, den Gelenken, Sehnen und Muskeln haben.

2. Die Fuß-Spitzen werden leicht nach außen gestellt. Symbolisch öffnen wir uns damit zum Yin und den unermesslichen Schätzen der Erde, der Großen Mutter und öffnen unser Herz. Diese Fußhaltung unterstützt auch das Öffnen des Michu-Bereiches.

3. Es wird großer Wert auf die Entspannung des Michu-Bereichs und des dritten Auges gelegt. Das Michu umfasst den Damm (inkl. den Dammpunkt Huiyin), den Schambereich, die Blase und Geschlechts-Organe. Er wird als geheimer Ort mit unendlicher Tiefe bezeichnet, in dem geheime Kräfte gebildet werden. Zu diesen geheimen Kräften kann man die Sexual- bzw. Schöpfungs-Energie und die Kundalini-Energie zählen. Nach buddhistisch-daoistischer Auffassung befindet sich die „Erdwurzel“ im Michu, d.h. die Yin-Kraft und das ihr gleichzeitig innewohnende Yang im Yin. Die nährende Mutter Erde, die uns im Strom des Wassers mitfließen lässt, spiegelt sich wider im Michu. Die „Himmelswurzel“ ist im dritten Auge des Menschen. Die Erde bzw. die Erdwurzel bietet den Samen und die Himmelswurzel bringt alles in Bewegung. Im Chan Mi Gong sind Übende in jeder Übung mit dem Michu und dem dritten Auge in Kontakt, die sich über die leuchtende Wirbelsäule verbinden. Zwischen dem Michu und dem dritten Auge, dem Bereich der Transformation, besteht eine weitere verborgene direkte Verbindung durch den Körper, die nach längerem Üben spürbar oder sichtbar wird. Es ist ein sehr feiner Lichtkanal, der die Erd- und Himmelswurzel mit ihren immensen energetisch-leuchtenden Kräften in sich vereint und zu tiefen Einsichten führen kann.

4. Traditionell wurde im Chan Mi Gong nicht mit Meridianen/Leitbahnen geübt. Erst nach der Kulturrevolution (Ende 1976) wurde vom Meister Liu Han Wen offiziell ein stärkerer Bezug zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM) hergestellt und die Leitbahnen bewusst mit einbezogen

5. Eine Besonderheit sind die »magischen« Laute (Mantren), Handhaltungen (Mudren) und Visualisationen. Dies entspricht der buddhistischen Schulung wie auch die Vorstellung des Lichts. „Das Licht ist im Menschen, der Mensch ist im Licht“ (Die Daoisten würden sagen: „Das Qi ist im Menschen, der Mensch ist im Qi“).

Die Begegnung mit dem Yin-Prinzip

Chan Mi Gong bedeutet nicht nur körperliche Heilung oder Beweglichkeit, sondern auch sensibilisiertes Körperbewusstsein und Sinnlichkeit. Es ist eine Qigongschulung, in der es mehr um Spüren und Wahrnehmen geht als um die »perfekte« Form. Es ist nicht dogmatisch, sondern steht für Lust und Loslassen, Hingabe und Lösen von alten Mustern. Es ist wie ein chinesischer Tanz des Lebens, wie eine Rückkehr zum Ursprung, wie ein plötzliches Erkennen. Praktizierende können nach kurzer Zeit tief greifende, energetisierende und gleichzeitig befreiende Erfahrungen machen. Frauen können (es wieder er)lernen, ihre atemberaubend-kraftvolle Weiblichkeit zu spüren und zu genießen und Männer begegnen ihrer archaischen Yin-Kraft (Der Wesenskern des Mannes ist Yin).

Um das Yin zu stärken, werden Daimai, Chongmai und Renmai durchlässig gemacht

Der Daimai oder Gürtelgefäß, weil er wie ein Gürtel um die Taille verläuft, ist der einzige horizontal verlaufende Energie-Kanal im menschlichen Körper und stellt die Verbindung zwischen dem oberen und unteren Teil des Körpers dar, die Verbindung zwischen Yang (oben) und Yin (unten). Er versorgt Hüfte, Becken, Taille und die Geschlechtsorgane mit Essenz-Qi (Jing) und beeinflusst, durch seine Verbindung zum Gallenblasen- und Leber-Meridian, auch den Bereich der weiblichen (und männlichen) Brust. Ist der Daimai in Blut-Leere, also „ausgeleiert“, kommt es zu Organsenkungen, niedrigem Blutdruck, vaginalem Ausfluss , Ödemen und zu sogenanntem „Leere-Schmerz“ wie Arthrose im Hüftbereich und in den Knie- oder Fußgelenken. Ist der Daimai in Fülle, also „gespannt“ oder „verspannt“, führt es zu folgenden anderen Symptomen: Blasenentzündungen, PMS oder unregelmäßigen Periodenblutungen, Pilzen im Darm, Genital-Herpes , Kopfschmerzen und chronischen Nacken- und Wirbelsäulenverspannungen. Um den Daimai zu öffnen, sind alle Drehbewegungen im Chan Mi Gong besonders gut geeignet.
Chongmai und Renmai gelten als „Blut-Kanäle“ und haben Einfluss auf den monatlichen Zyklus der Frau. Der Chongmai leert sich in 28 Tagen und füllt sich nach Beendigung der Menstruation wieder langsam mit Blut, Qi und Jing. Wenn die Blutungen sehr stark sind, kann es passieren, dass die Blutmenge im Chongmai langsam abnimmt und der Energie-Kanal in Blut- und damit auch in Qi- und Jing-Leere gerät. Dieser Zustand kann zu Beschwerden am Herzen, zu Störungen im Blutkreislauf, chronischer Müdigkeit und Eisenmangel führen.
Der Renmai oder Konzeptionsgefäß ist ein Yin-Meridian, er wird auch das „Meer des Yin“ genannt, da er den gesamten Yin-Bereich im menschlichen Körper beeinflussen kann. Yin ist bekanntlich das weibliche Prinzip bei Frauen und Männern, das Fließende, Unbewusste, Innere, Intuitive, Nährende. Der Renmai ist von großer Be-deutung besonders für Frauen, da er, wie auch der Chongmai, Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Menopause beeinflusst. Ein Qi-, Jing- und blutleerer oder geschwächter Renmai führt bei Männern und Frauen zu einer allgemeinen Yin-Schwäche und im speziellen zu einer Nieren-Yin-Schwäche, die sich folgendermaßen manifestieren kann: Unruhe, Schlaflosigkeit, Nervosität, Rastlosigkeit, bei Frauen zu Störungen im Menstruations- Zyklus, Eierstockzysten, Myomen, trockener Vagina, Haut und Haaren (in der Menopause).

Ideal auch für Männer

Selbstverständlich können auch Männer mit Begeisterung diese Qigongform praktizieren, und sie werden merken, wie sie ihrer „inneren Frau“ näher kommen werden. Sie werden dann vielleicht sagen: „Hallo innere Frau, ich hab dich sehr vernachlässigt. Das tut mir sehr leid. Ich war immer nur hundertprozentig der Mann. Aber das wird sich jetzt ändern“… Und vielleicht gehen dann Magengeschwür, Prostataprobleme, Herzschmerzen oder die zur Schau getragene Härte weg oder ‚weichen auf‘. Es wäre wunderbar, wenn mehr Männer aus unserer Gesellschaft dieses „Sanfter Krieger- Qigong“ machen würden. Es gibt eine Garantie: Es geht nichts von der Männlichkeit verloren.

Petra Hinterthür

Qigong-Lehrerin und -Ausbilderin, Autorin und Kalligraphin, Heilpraktikerin für TCM in Hamburg
www.petra-hinterthuer.de

 

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