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Im Gedenken an die Geschehnisse auf der Loveparade 2010 in Duisburg

Der gute Ruf

... über Schuld und Verantwortung, Verrat und Wahrhaftigkeit

Am 24. Juli 2010 fand in meiner Heimatstadt Duisburg zum letzten Mal die Loveparade statt. Die fröhliche Feier junger Menschen verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in einen Totentanz.

Ein Jahr zuvor hatte der Polizeipräsident vor „eklatanten Sicherheitsmängeln“ bei den Planungen für die Loveparade gewarnt. Der oberste Repräsentant der Duisburger Polizei stand mit seinen Warnungen nicht allein. Viele Sicherheitsfachleute hatten Bedenken hinsichtlich des Veranstaltungsplatzes und der dorthin führenden Zugangswege. Ein Experte formulierte es anschließend so: Das Sicherheitskonzept war so schlecht, dass man aus diesem Unfug noch nicht einmal etwas lernen könnte.

Viele Politiker im Ruhrgebiet fanden diese Bedenken im Vorfeld der Veranstaltung nur hinderlich. Ein Parteivorsitzender schrieb einige Monate vor dem Event einen offenen Brief an den nordrheinwestfälischen Innenminister und forderte diesen auf, den Polizeipräsidenten unverzüglich zu entlassen, da dieser mit der öffentlichen Bekundung seiner Zweifel dem Ansehen Duisburgs schade. In dem Schreiben bat der Kommunalpolitiker den Innenminister darum, er möge mit der Amtsenthebung des obersten Polizeirepräsentanten die Stadt Duisburg „von einer schweren Bürde zu befreien.“ Der Politiker hatte Angst um den guten Ruf der Region. Salopp gesagt: Der Schuss ging nach hinten los. Ein serbisches Sprichwort lautet: Ein guter Ruf kommt weit, der schlechte kommt noch viel weiter.

Alleingelassen in der Trauer

Nach der Katastrophe weigerten sich sämtliche Repräsentanten der Stadtspitze, von ihren Ämtern zurückzutreten und damit die Verantwortung für die tragischen Ereignisse zu übernehmen. In einem Interview erklärte der Oberbürgermeister, ein Rücktritt käme einem Schuldbekenntnis gleich und er befürchte, dass sein Name dann für immer mit dem Tod von 21 Menschen in Verbindung gebracht werden würde. Er hatte Angst um seinen guten Ruf. Am Morgen des 24. Juli hatte er sich noch auf den Bühnen der Loveparade feiern lassen. Solange alles gut lief, demonstrierte er dem jubelnden Publikum, wer für den tollen Event verantwortlich war. In diesen Stunden sonnte er sich gerne in seinem guten Ruf. Ab 17:30 Uhr jedoch wollte niemand in Duisburg mehr die Verantwortung übernehmen. Und deshalb gab niemand den Angehörigen der Getöteten und den vielen Verletzten und Traumatisierten Antworten auf deren dringendsten Fragen. Den Trost und die nachfolgende Seelsorge überließ man anderen. Die Stadt war in den Tagen ihrer größten Not im wahrsten Sinne des Wortes kopflos. Niemand von den Offiziellen gab der Trauer ein Gesicht. Viele Menschen waren an Körper und Seele verletzt. In der größten Katastrophe Duisburgs seit dem zweiten Weltkrieg ließ die Führung der Stadt die Menschen mit ihrer Trauer allein.

Verantwortung und Schuld – ein feiner Unterschied

Die Schuld blickt nach hinten in die Vergangenheit, die Verantwortung schaut nach vorne in die Zukunft. Das ist der feine Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Die Übernahme der Verantwortung ist kein Schuldeingeständnis, sondern ein Akt der Heilung. Nicht immer müssen dafür Worte gesprochen werden. Meines Erachtens wäre ein Rücktritt des obersten Stadtrepräsentanten ein starkes Zeichen gewesen. Danach wäre der Weg frei gewesen für jemanden, der unbelastet von den vergangenen Ereignissen hätte Antworten auf die Fragen geben können, wie es denn nun mit den Opfern, den Angehörigen und nicht zuletzt den Bürgern dieser Stadt weitergehen sollte.

Spiritueller Unsinn statt Trost

In diesem Zusammenhang meldete sich eine hierzulande bekannte ehemalige Nachrichtensprecherin zu Wort, die vor einigen Jahren wegen äußerst zweifelhafter Äußerungen zum dritten Reich von ihrem Sender suspendiert worden war. Sie ließ wenige Stunden nach dem Unglück über die Medien verlauten, dass es sich bei der Loveparade nicht um eine fröhliche Feier, sondern vielmehr um eine Drogen-, Alkohol und Sexorgie gehandelt habe. Alle Teilnehmer seien freiwillig erschienen und somit für die Folgen selbst verantwortlich. Der letzte Satz ihrer Veröffentlichung lautet wörtlich: „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen.“ Auch ein Salzburger Bischof der katholischen Kirche konnte es sich nicht verkneifen darauf hinzuweisen, dass „Loveparades eine Art Aufstand gegen die Schöpfung und die Ordnung Gottes, Sünde und Einladung zur Sünde sind.“ Der Kirchenfürst zog daraus den Schluss, dass diesmal offensichtlich der „richtende und strafende Gott“ eingegriffen habe.

Vermutlich hätte der Bischof vor zweitausend Jahren dasselbe gesagt, wenn er den Meister der Liebe mit seinem Gefolge gesehen hätte. Jesus hat Botschaften der Liebe und der Lebensfreude verkündet und vorgelebt. Er würde deshalb von den Pharisäern auch als „Fresser und Säufer“ bezeichnet. In diesem Sinne unterscheiden sich manche religiösen Würdenträger von heute nicht einen Deut von ihren historischen Vorgängern.

Unabhängig davon, dass solche Statements gegenüber den Verletzten und Angehörigen der Toten unverschämt und menschenverachtend sind, ist der Glaube an eine strafende göttliche Macht religiöser und spiritueller Nonsens. Die Zeit ist reif, dass dieses immer noch weit verbreitete mittelalterliche Welt- und Gottesbild auf den Sperrmüll der Geschichte landet.

Der Mut, ein Verräter zu sein

Die Frage: „Was sollen denn die Leute denken…?“ ist für viele eine wichtige Orientierungshilfe für ihr Sprechen und Handeln. Sich gänzlich von dieser Frage zu befreien ist der Weg zur Wahrhaftigkeit. Ein wahrhaftiger Mensch ist bereit, für seine Wahrheit notfalls auch seinen guten Ruf zu opfern. Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pastor im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, ist dafür ein gutes Beispiel. Zu Beginn der Naziherrschaft hatte er öffentlich Stellung gegen die braune Diktatur bezogen. Als die Nazis begannen, oppositionelle Geistliche in Konzentrationslagern zu foltern und zu töten, besorgten ihm gute Freunde ein Visum für die USA. Bonhoeffer wanderte dorthin aus. Da er das Gefühl empfand, geflüchtet zu sein, hielt er es dort nicht lange aus und kehrte nach Deutschland zurück. Er hatte beschlossen, aktiv im Widerstand zu arbeiten. In Amerika hätte Bonhoeffer weiter der „Gutmensch“ bleiben können, der aus der Ferne gegen das verbrecherische deutsche Regime Stellung bezog. Er entschied sich aber dafür, zum Zwecke der Tarnung den Umgefallenen zu spielen, der nach den ersten Kriegserfolgen auf die Seite des Regimes umgeschwenkt war. Mit seiner Rückkehr nach Deutschland riskierte er nicht nur sein Leben sondern auch seinen guten Ruf, den er bei seinen Freunden besaß. Er gab vor, nunmehr mit den Nationalsozialisten zu sympathisieren. Er hob die Hand zum Hitlergruß und enttäuschte damit seine Freunde, die ihre Abneigung gegen das Regime weiterhin offen zeigten. In Wahrheit arbeitete Dietrich Bonhoeffer ebenso konspirativ wie konsequent an dem Projekt „Tyrannenmord“. Die Freunde über seine wahren Motive und Tätigkeiten in Kenntnis zu setzen, wäre zu gefährlich gewesen. Stillschweigen nach außen ist das Wesen jedweden konspirativen Handelns. Bonhoeffers Vorbild war ein Kirchenkollege, der bis zuletzt im Konzentrationslager gegenüber den Nazis keinen Kompromiss eingegangen war und dies mit seinem Leben bezahlt hatte. Nun handelte Bonhoeffer bewusst gegen sein eigenes inneres Ideal. Er nahm es hin, dass er in den Augen vieler seine alten Überzeugungen verraten hatte. In Wahrheit war er seiner Überzeugung treu geblieben, eben weil er zum Verräter geworden war.

Die Stimme des Herzens sagt immer die Wahrheit

Manches Mal müssen auch wir im Leben unseren guten Ruf riskieren, um unserer Wahrheit treu zu bleiben. Das Buch „Die Einladung“ von Oriah Mountain Dreamer beginnt mit einem alten indianischen Text. Darin heißt es: „Es interessiert mich nicht, ob das, was du mir erzählst, wahr ist. Ich will wissen, ob du andere enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu bleiben? Ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst, um deine eigene Seele nicht zu verraten? Ob du treulos sein kannst, um vertrauenswürdig zu bleiben?“

Der wahre „gute Ruf“ ist die Stimme des Herzens. Sie sagt immer die Wahrheit.


Die fünf Minuten Meditation
Stell dir eine Stimme in deinem Herzen vor.
Und nun werde still
und höre zu.


Peter Michael Dieckmann
www.lumenalba.de

 

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