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Traditionelle Kräuterheilkunde

Altes Wissen neu entdeckt

Als ich vor fast 25 Jahren begann, mich mit traditioneller Kräuterheilkunde zu beschäftigen, sagte meine Tante Erika oft zu mir: „Martin, ich finde es ja schön, dass du dich damit beschäftigst, aber man muss ja schon daran glauben, damit es hilft.“ Ich antwortete regelmäßig: „Tante Erika, wenn ich dir 20 Gramm Rhabarberwurzel gebe, dann wirst du noch heute starken Durchfall bekommen, egal ob du daran glaubst oder nicht.“

Die „Mutter“ der Pharmakologie

Dass die heutige Pharmakologie vor kaum mehr als 100 Jahren aus der Kräuterheilkunde entstand, ist weitestgehend in Vergessenheit geraten. So gewannen schon die Kelten und Germanen durch Kochen der Weidenrinde Extrakte, die der synthetischen Acetylsalicylsäure (kurz ASS) verwandte Substanzen enthielten. Auch im alten Griechenland und Rom wurde der Saft der Weidenrinde bereits gegen Schmerzen aller Art eingesetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde ASS erstmals synthetisch hergestellt.

In der traditionellen Kräuterheilkunde ist man allerdings fest davon überzeugt, dass das Naturprodukt in seiner Ganzheit und mit seinen Synergien immer wesentlich wertvoller ist als ein synthetisch hergestelltes Einzelprodukt. Beispielsweise ist ein Apfel mehr als die Summe seiner Einzelbestandteile.

Die Mischung macht‘s

In der traditionellen Kräuterheilkunde verordnet man zudem so gut wie nie einzelne Kräuter, sondern fast immer eine intelligent entwickelte Rezeptur, bei der die einzelnen Kräuter sich in ihrer Hauptwirkung gegenseitig verstärken und gleichzeitig etwaige Nebenwirkungen untereinander abfangen. Darin liegt die Genialität.

Auf einer simplen Ebene ist das zu vergleichen mit Kaffee, dem eine Prise Zucker zugegeben wird. Die belebende Wirkung des Kaffees wird durch die Prise Zucker noch unterstützt, gleichzeitig aber soll diese Prise Zucker die Schleimhaut reizende Wirkung des Kaffees abmildern.

Ganz entscheidend ist, dass die traditionelle Medizin keine Symptome behandelt, sondern in Kategorien einteilt und innerhalb dieser Kategorien Disharmonien auflöst.

Die acht Leitkriterien

Alle Disharmonie-Muster werden unter anderem nach den sogenannten acht Leitkriterien eingeteilt: Fülle-Leere, Hitze-Kälte, Trockenheit-Feuchtigkeit, Außen-Innen. Jedes Kraut, jede Substanz wird auf dieser Ebene danach eingeteilt, ob es Energie auffüllt bzw. stärkt oder ob es Stagnation abbaut bzw. ausleitet, ob es kühlt oder wärmt, ob es trocknet oder befeuchtet und ob es eher im Inneren des Körpers wirkt oder weiter außen.

So wirkt frischer Ingwer zum Beispiel enorm gut gegen eindringende Infekte, während getrockneter Ingwer eine viel stärkere wärmende Wirkung von Innen heraus hat und die Nierenenergie stärkt.

So unterscheiden wir streng bei jeder Erkrankung, zum Beispiel bei Husten, ob es sich um echte Trockenheit oder echte Feuchtigkeit handelt und geben dann entsprechend befeuchtende oder trocknende Rezepturen, die dann an der erkrankten Stelle wirken.

Des Weiteren unterscheiden wir zur Erhaltung der Gesundheit genau, ob die Kräuter und Nahrungsmittel, die ein Mensch zu sich nimmt, eher warm oder eher kalt sein sollen. Auch in der Schmerztherapie muss manchmal gekühlt und manchmal gewärmt werden, um einen Erfolg zu erzielen.

Ein Problem der europäischen Kräuterheilkunde ist, dass wir hier praktisch keine Kräuter (mehr) haben, die es mit der aufbauenden und stärkenden Wirkung von Ginseng, Astraglus, Psoralea, Epimedii und Co. aufnehmen können. Wenn es sich bei Nachtschweiß, Leistungsschwäche in jeglicher Form, Infektanfälligkeit oder ähnlichen Symptomen um echte Leere, echte Schwäche handelt, gibt es im im europäischen Raum kaum oder keine Mittel, die so gut wirken wie o.g. traditionell chinesischen. Bei uns stehen seit Jahrhunderten die ausleitenden Verfahren im Vordergrund.

Äußerst interessant an dem Ansatz der 8 Leitkriterien ist auch, dass sie nicht nur auf einer biochemischen Ebene wirken, sondern auch auf einer höheren abstrakten Ebene.

Nehmen wir als Beispiel die Emotionen. So ist Müdigkeit ein Leitsymptom für Feuchtigkeit. Auf der anderen Seite kennt die traditionelle Naturheilkunde verschiedenste Formen von Depressionen und Burnout. Nicht immer ist das Burnout-Syndrom ein echtes Ausgebrannt-Sein – was in den Leitkriterien Hitze und Trockenheit bedeuten würde – manchmal finden wir hier auch Muster von Energieschwäche und/oder Feuchtigkeit. Depressionen teilen sich meist zu gleichen Teilen auf in Stagnation von Wind in der Leber, Kälte in der Niere und Energieschwäche der Lunge.

Diese Begrifflichkeiten, die sich fast anhören wie ein Wetterbericht, sind keinesfalls abstrakt-theoretisch gemeint, sondern finden in der Kräuterheilkunde ihren konkreten Widerhall. „Wer heilt, hat recht.“ besagt ein alter Spruch in der Medizin.

Eine wichtige logische Schlussfolgerung aus dem Ansatz der Leitkriterien und Disharmonie-Muster ist, – und das kommt uns seltsam vor, obwohl es so logisch ist – dass eine Kräuterrezeptur bei einer Erkrankung und bei ihrem Gegenteil helfen kann. Die Rhabarberwurzel z.B. wirkt in ihrer bitter-kalten Energie gegen Feuchte-Hitze. Natürlich ist sie in erster Linie ein Mittel zum Abführen, doch bei entsprechender Diagnose, nämlich Leber Feuchte-Hitze, kann sie mit Erfolg genauso gut gegen Durchfall eingesetzt werden.

All dies war nicht etwa nur im alten China bekannt, also auch im alten Europa wusste man um diese Mechanismen. Wir besitzen den Reprint eines europäischen Kräuterbuches, dessen erste Auflage aus dem Jahr 1588 stammt (Tabernaemontanus).

Wer dieses Kräuterbuch liest, sieht, dass auch hier die Kräuter nach o.g. Leitkriterien eingeteilt sind. Leider ist viel des überlieferten alten Wissens verloren gegangen. Etwa im 13. Jahrhundert begannen die so genannten Hexenverfolgungen, bei denen man oft gerade Heilwissenden und Hebammen nachstellte. Noch bis tief ins 17. Jahrhundert dauerten die Verfolgungen an und mit ihnen wurde ein großer Teil des über 500 Jahre alten Kräuterwissens heilkundiger Männer und Frauen förmlich ausgerottet.

Auch China hat es einen schlimmen Kulturbruch gegeben: Als Mao Tse-tung in den 50er Jahren an die Macht kam, wurde in China systematisch altes Wissen vernichtet und viele der taoistischen Meister und Meisterinnen wanderten aus oder zogen sich in die Berge zurück. Auch hier hat der Kulturbruch schlimme Spuren hinterlassen, auch wenn sie nicht mit denen in Europa vergleichbar sind. Deshalb ist es heute viel schwieriger, Informationen über traditionell europäische Kräuter zu erhalten als über traditionell chinesische.

Als 1989 die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland aufgehoben wurde, ist mein damaliger Lehrer sofort mit mir nach Ostberlin gefahren, um dort in der Staatsbücherei nach wichtigen alten Kräuterbüchern zu suchen. Wir wurden fündig.

Erst vor wenigen Jahren wandten sich die letzten traditionellen (!) chinesischen Ärzte an das Zentral-Komitee der kommunistischen Partei. Sie wiesen darauf hin, dass nicht mehr lange die Möglichkeit bestünde, zumindest einige wenige Menschen nach dem alten taoistischen Prinzip auszubilden, um zu verhindern, dass die letzten Meister ihr Wissen mit ins Grab nähmen. Das ZK lenkte ein, wodurch endlich wieder einige Männer und Frauen auf traditionelle Weise ausgebildet werden konnten. – So kehrt in den letzten Jahren immer mehr Wissen zurück. Das Wissen vom Heilen.


Martin Schönleben


Weitere Informationen:
Schönleben, Schule für Traditionelle Chinesische Medizin
Elsterstr. 25 44892 Bochum
Tel. 0234.29 49 05
www.schoenleben.biz




 

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