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Selbstliebe

Ein naheliegender Weg zu wahrer Liebe

Kaum zu glauben, das Internet hat in Punkto Selbstliebe weder viel Reizvolles noch Informatives zu bieten. Mit einer gewissen Scheu, so könnte man meinen, wird auch in anderen Medien oder im privaten Kreis das Thema Selbstliebe gerne ausgeblendet. Aus vergangenen Epochen lastet der Eigenliebe der Makel der Selbstsucht, des habgierigen Egoisten an, der sich mit Stolz und Eitelkeit über andere stellt. Eine merkwürdige Sichtweise, unterstellt sie doch der Liebe, dass sie die negativen Eigenschaften eines Menschen forciert. Dass Liebe Negatives erzeugt, führt unweigerlich zu dem Schluss, dass mit dieser Liebe etwas nicht stimmt oder dass es sich im Falle der Selbstliebe gar nicht um Liebe handelt. Diese Mutmaßungen klingen unbefriedigend. Was wäre also naheliegender, als das Thema Selbstliebe einfach zu verdrängen? Außerdem hallt dort im Hinterkopf noch die Leier vom ewigen Sünder, der eher Buße tun sollte, statt sich zu lieben.
Ein weiterer Grund, der die Selbstliebe mit Kritik behaftet, liegt an der Konkurrenz ihrer sprachlichen Nachbarn. Das Wort Selbstlos bezeichnet unzweifelhaft eine äußerst positive und gar tugendhafte Eigenschaft. Uneigennützigkeit gilt allgemein als vorbildlich. Sharing is caring lernen Kleinkinder in englischen Playschools. Das Selbst hinten anzustellen, um dadurch die eigene mitmenschliche Einstellung zu demonstrieren, baut auf die christliche Tradition der Nächstenliebe. Politische Parteien schreiben sich diese soziale oder christliche Marschroute auf die Fahnen. In sozialistischen Ländern verliert der Einzelne an Bedeutung, alle Aufmerksamkeit gilt dem Allgemeinwohl. Die Fokussierung auf das Externe, das große Ganze oder den Freund, den Partner, das Kind liegt im Wettlauf um die Liebesgunst ganz vorne. Das Interne, das eigene Ich, wird verdrängt mit der Konsequenz, dass innere Vorgänge nicht erkannt und verstanden werden. Man kennt die Strukturen und Funktionen des externen Lebens, aber sobald der Blick nach innen gerichtet wird, wimmelt es von Fragezeichen. Wo in der Psyche, den Emotionen, der Seele findet die Selbstliebe ihre Daseinsberechtigung? Die Selbstliebe zwischen selbstlos als positiv und Nächstenliebe als superpositiv einzuordnen, fällt sehr schwer, nicht zuletzt weil einem die Richtung nach innen verkehrt vorkommt.

Rehabilitation der Selbstliebe

Der aufgeklärte, moderne Mensch kann das Stiefkind der Liebe von seinem zweifelhaften Ruf befreien. Um diesen Rehabilitationsprozess einzuleiten, soll ein neutraler und vorurteilsfreier Zugang zum Thema gefunden werden. Dazu könnte man zunächst versuchen, die sprachlichen Ausdrucksformen genauer zu analysieren. Begriffe wie Selbstliebe oder Eigenliebe sind mit starken Konnotationen besetzt. Sie verleiten eher dazu, auf Bekanntes zurückzugreifen. Ganz andere Anhaltspunkte beschert der Satz: Ich liebe mich selbst.
Vom sprachlichen Eindruck könnte man meinen, dass es sich um zwei Personen oder zwei Abteilungen der Psyche handelt – einer Abteilung, die liebt (Ich) und einer Abteilung, die geliebt wird (Selbst). Ich und Selbst spalten die Persönlichkeit in zwei Teile. Die Aufteilung der Psyche in verschiedene Abteilungen ist seit Freud ein alter Hut. Entscheidend für die folgende Diskussion sind die Begriffe Ich und Selbst, die hier inhaltlich neu definiert werden und in eine Wechselbeziehung zueinander treten, die neue Aspekte zum Thema liefert.

Das Selbst

In Bezug auf das Selbst spricht man auch vom Glauben an sich selbst. Wenn es einem wirklich dreckig geht und man sich von allen verlassen fühlt, hilft nur noch der Glaube an sich selbst. Hier sticht die oben erwähnte Dualität klar hervor. Ich glaube an mich selbst. Ich bin eine Person, die fest an das Selbst dieser Person glaubt. Man hat das Gefühl, vom Kern eines Menschen zu sprechen, einem Kern, der zur Geltung gekommen wäre, wenn sich das Ich nicht in den Vordergrund gedrängt hätte. Das Selbst würde sich aus dem kindlichen Kern entwickeln. So gesehen, könnte man es auch als unverfälschtes Ich bezeichnen. Offensichtlich hat das Selbst keine reelle Chance, sich in der Welt, in der wir leben, ungehindert zu entfalten. Was sich stattdessen entfaltet, ist das Ich.
Im Buddhistischen spricht man vom Selbst als dem eigentlichen Ich, dem unverwechselbaren reinen Ich, das sich von allen überflüssigen Ängsten und allen Wünschen befreit hat. Würde man das reine oder wahre Selbst erfahren, wäre man ohne Leid. In diesem Fall fiele das Ich mit dem Selbst zusammen – eine wahrlich schöne Vorstellung.
Seinem Selbst kann man zu Lebzeiten näherkommen, indem man sich in bestimmten Techniken wie der Achtsamkeit, dem Akzeptieren und dem Loslassen übt. Alle drei Techniken verfolgen das Ziel, den eigentlichen Menschen hinter seinen Ängsten und dem daraus entstandenen Leiden zu erkennen. Das Selbst bezeichnet einen Zustand, in dem man eins mit sich ist. Dieser Zustand wird von sanfter Freude getragen, was als Zeichen der Liebe gedeutet werden kann. Das Selbst liebt sich selbst. Darum muss man sich nicht sorgen. Probleme macht das Ich.

Das Ich

Bei Kindern bis zu zwei Jahren sind Ich und Selbst noch nah beieinander. Das unschuldige Kind ist es selbst. Es kann sich zwar verstellen und schauspielern, aber im Grunde ist das Leben echt. Mit zunehmendem Alter spaltet sich das Ich relativ schnell vom Selbst. Erste Verletzungen, wie zum Beispiel: „Das hat deine Schwes-ter aber viel besser gemacht“ vergrößern die Kluft zwischen Ich und Selbst. Das Selbst genügt nicht, wird getadelt. Darin liegt die Gefahr des Liebesentzugs, die für ein Kind massiv beeinträchtigend sein kann. Das Kind versucht, den drohenden Liebes-entzug durch Handlungen und Einstellungen zu kompensieren, die nicht zu seinem Selbst gehören. Das Kind beginnt sein Selbst zu verleugnen und entwickelt ein angepasstes Ich, das sich an die schmerzerregende Umgebung seines Lebensraumes anpassen will und so noch mehr leidet. Negative Emotionen der Eltern, Stress in der Schule und desolate Familienverhältnisse sind nur einige Eckpfeiler, die das Ich prägen. Ein Teufelskreis, denn das Ich entfernt sich unter Umständen immer weiter vom Selbst. Im Verlauf von Kindheit und Jugend entsteht so ein komplexes Verhältnis zwischen Ich und Selbst, das schließlich die Persönlichkeit in weiten Zügen bestimmt.
An dieser Stelle leuchtet ein, dass nicht das Selbst sich verändern muss, sondern das Ich. Jede Form von positiver Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt sich mit der Bearbeitung des empfindlichen Ichs. Der größte Leidensfaktor für das Ich sind die Emotionen, allen voran die Basisemotion Angst. Jede negative Emotion lässt sich auf Angst zurückführen. Die Macht der Emotionen kann oft vom Verstand nicht reguliert werden. Nur wenn der Verstand die Zusammenhänge erkennt, hat der Wille die Chance, an einer angstfreien Entscheidung zu arbeiten. Auf diesen grundlegenden Prozess bauen große Teile der Psychotherapie auf.

Das egoistische Ich

Die handelnde Persönlichkeit eines Menschen spannt sich zwischen Ich und Selbst. Das Ich besitzt egoistische Züge. Ich will besser aussehen, mehr Geld haben, das Beste ist gerade gut genug für mich. Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, dass das Ich etwas Gutes für sich beansprucht, wenn daraus für andere keine Nachteile entstehen. Ein krankhaftes Ich erzeugt für sich und seine Umwelt Leiden, zum Beispiel durch Wut, Aggression, überzogene Trauer, Sucht oder Täuschung. Wenn das Ich mit negativen Emotionen, die als Handlanger der Angst dienen, beschäftigt ist, liegt eine Störung vor, die das Erkennen des Selbst und die Liebe zum Selbst bzw. zu sich selber beeinträchtigen.

Hilfe

Allmählich leuchten rote Warnsignale auf und eine Frage steht im Raum: Inwieweit kann man sich auf die Liebe seines gestörten Ichs verlassen? Graduell von sehr gut bis gar nicht! Die Frage betrifft die Liebe im Allgemeinen, also auch die Selbstliebe. Der Schlüssel zum Glück liegt beim Ich. Das Ich muss, bildlich gesprochen, auf den Seziertisch. Wenn man verstehen lernt, welche Ursachen für Entscheidungen, Urteile und Gefühle verantwortlich sind, kann man anfangen, das eigene bewusste Beobachten zu schulen. Sobald das Ich dem bewussten Erkennen anheim gestellt wird, verliert es an Einfluss. Die Bearbeitung des Ichs ist der Schlüssel zur Selbstliebe. In einem nächsten Schritt wird die Dynamik zwischen Ich und Selbst dargestellt.

Die Wechselwirkung

Ist die Spanne oder Kluft zwischen den beiden Polen (Ich & Selbst) besonders groß, kann man generell davon ausgehen, dass die Person zu gestörten und Leid erzeugenden Handlungen neigt. Ist die Kluft dagegen gering, herrscht Harmonie. In der Gesellschaft solcher Menschen fühlt man sich wohl. Sie strahlen Gelassenheit und Ruhe aus. Je näher man seinem Selbst kommt, desto weniger führt die Angst Regie. Je größer die Distanz zwischen Ich und Selbst wird, desto fremder ist man sich innerlich und desto größer ist die Macht der Angst.
Eine Emotion wie z.B. Schuld richtet sich gegen das Ich. Ich habe Schuld, folglich bin ich schlecht. Das Ich ist schlecht und verdient es trotz seiner Anstrengungen nicht geliebt zu werden. Dass mit diesem Muster Leiden verbunden ist, wird hier mehr als deutlich.
Das Ich besitzt eine Eigenregie, die darauf aus ist, sich der bewussten Beobachtung zu entziehen. Das Selbst gerät ins Abseits. Die mit Schuld behaftete Person sieht nur das schuldhafte Ich und nicht mehr ihr wahres unverfälschtes Selbst. Gelingt es der Person, ihre Schuld und die ihr zugrundeliegende Angst zu bearbeiten, legt das den Blick auf das liebenswerte Selbst wieder frei. Ich und Selbst kommen sich näher. Das Zugehen des Ichs auf das Selbst ist Selbstliebe. Das Verlieren der Schuld wird in jedem Fall durch Freude ersetzt. Weicht ein starker Schuldkomplex, kann man sich wie neugeboren fühlen. Das Selbst wird vom Ich erkannt und Liebe wird spürbar.
Das Ich besitzt die Neigung, negative Emotionen wie Wut, Hass, Schuld, Eifersucht, Stolz oder Neid aufzubauschen und zu unterhalten. Am Beispiel der Arbeistslosigkeit soll die Tendenz, ein simples Faktum zu emotionalisieren, verdeutlicht werden.
Das Problem Arbeitslosigkeit lässt sich rational relativ klar erfassen. Dass das Problem als schlimm bewertet wird, liegt vor allem an negativen Emotionen, allen voran dem Minderwertigkeitsgefühl. Man ist nicht mehr so viel wert. Ist diese Aussage tatsächlich wahr? Natürlich nicht, dennoch passiert Folgendes: Die von der Gesellschaft entworfene Werteskala wird angelegt und da steht „arbeitslos“ ganz unten. Je nach Charakter und Wesen spinnt der Betroffene den Faden weiter und denkt auch, für seine Familie und Freunde nicht mehr so viel wert zu sein. Frauen interessieren sich wenig für arbeitslose Männer. Der Status als Mann sinkt auf ein klägliches Niveau. Kommt noch eine Vorbelastung aus der Familie hinzu, z.B., dass man schon immer ein Sorgenkind war, kann es mit der Selbstliebe schnell bergab gehen. Weitere Emotionen wie Schuld, Verlust von Stolz und Schamgefühl beschleunigen die Talfahrt.
Das Ich erleidet heftigste Angstzustände, die unter Umständen als lebensbedrohlich empfunden werden. Die Selbstliebe kommt nicht ins Bewusstsein durch, weil das Ich durch seine Angst alle Konzentration auf sich zieht und dadurch das Selbst komplett ignoriert wird.

Positive Wege zur Selbstliebe

Hat man ähnliche Zustände bereits vorher durchgemacht, kann man sich daran erinnern, dass der Glaube an oder die Liebe zu sich selbst das zuverlässigste Gegenmittel darstellten. Hilfe von außen ist sicherlich gut, bleibt sie aber aus, ist da nur noch das eigene Selbst, das aus der Not retten kann. Tief im Herzen, im Kern zu wissen, dass es ein wahres Selbst gibt und das leidende Ich eine Ausgeburt der Angst ist, kann ein sicherer Schritt zur Heilung sein.
Selbstliebe gibt vielen Menschen Rätsel auf, nicht zuletzt weil sie mit egoistischer Liebe verwechselt wird. Wer möchte schon als selbstsüchtig gelten? Eine Person, die sich selber liebt, läuft jedoch kaum Gefahr, selbstsüchtig zu handeln, weil die Selbstliebe eine besonders gute Voraussetzung für die Liebe im Allgemeinen ist. Liebe, die ich für mich selbst empfinde, bereitet mich innerlich für die Liebe zu anderen Menschen vor. Selbstliebe kann nicht selbstsüchtig sein, weil die Selbstsucht eine krankhafte Äußerung des verletzten Ichs darstellt. Selbstsüchtiges Verhalten lässt sich in jedem Fall auf Angst zurückführen. Handlungen und Gefühle, die auf Selbstliebe basiern, sind frei davon.
Wenn sich das Ich mit negativen Emotionen einnebelt, wie soll es dann jemand anderen gebührlich lieben können? Liebe findet immer auf den drei Ebenen Seele, Geist, Körper statt, Selbstliebe nicht ausgenommen. Seine Seele, seinen Geist und seinen Körper zu lieben bedeutet aktive Selbstliebe. Selbstliebe verlangt Ja-sagen zu Körper, Geist und Seele. Sollte das Ja schwer fallen, dann lenkt das Ich Sie ab – indem es ‚lauthals‘ zu schimpfen oder zu kritisieren beginnt oder schmerzhafte Gefühle „aus dem Hut zaubert“. In Momenten, in denen Sie den negativen Einfluss Ihres Ichs erkennen, haben sie es auch schon entlarvt. Stellen Sie exakt fest, was Ihr Ich an Ihrem Körper oder Ihrem Verhalten auszusetzen hat. Fragen Sie sich dann, ob Sie Verlustängste, einen Identitätsverlust oder die Angst vorm Alleinsein/Verlassensein damit in Verbindung bringen können. Sollte das auch nur andeutungsweise der Fall sein, haben Sie einen extrem wichtigen Erkenntnisprozess durchlaufen. Die wie auch immer geartete Angst ist ein Produkt der Psyche und hat wenig echte Relevanz für ein erstrebenswertes Leben. In dem Maße, in dem Sie die Angst in dem jeweiligen Teilbereich, in dem Sie an Ihrer Selbstliebe arbeiten, reduzieren, erhöhen Sie die Bereitschaft, Ja zu sagen. Und mit jedem Ja wächst Ihre Selbstliebe. Diese Selbstliebe darf sich sehen lassen, sie darf anstecken und mitreißen, denn sie ist echte Liebe.
„Ich liebe mich“ ist der wichtigste Satz auf der Welt. In „Ich liebe dich“ steckt ein auswechselbarer Faktor, nämlich das Du. Im Gegensatz dazu ist das Mich im ersten Satz nicht austauschbar. Wenn Sie lieben wollen, dann ist es nur zu naheliegend, dass Sie bei sich selber anfangen, denn dem Mich entkommen sie nicht. Ihre Selbstliebe ist die beste Verbündete in Sachen Liebe.

 

Wolfgang Wiesmann
wolfgangwiesmann@eircom.net








 

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