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Wenn die Seele trauert

Trauma-Aufstellungen nach Prof. Dr. Franz Ruppert

Moderne naturwissenschaftliche Verfahren der Medizin behandeln Krankheiten – weniger den Menschen, der krank ist. Dabei sind viele Beschwerden wesentlich häufiger psychosomatischer Natur als meist angenommen. Mitunter liegen deren Ursachen sogar in vorherigen Generationen begründet.

Welcher seelische Schmerz drückt sich in den körperlichen Beschwerden aus? Woran leidet die Seele?

Neben psychologischen Ansätzen bietet die neuste Traumaforschung Antworten auf diese Fragen. Seit vielen Jahren erforscht Prof. Dr. Franz Ruppert die menschliche Psyche. Er entdeckte, dass vielen psychischen Leiden wie z.B. Ängsten, Depressionen bis hin zur Schizophrenie, aber auch körperlichen Krankheiten wie z.B. Migräne, Rückenbeschwerden und sogar Krebs traumatische Lebenserfahrungen zu Grunde liegen können.
Auch die Beziehung zur eigenen Mutter, die Bindungsbeziehung, kann eine traumatische Lebenserfahrung bedeuten. Prof. Ruppert spricht hier vom Symbiosetrauma. Die Ursache für den Mangel an Zuwendung wird in unverarbeiteten Traumata der Eltern gesehen.

Die Seele zerbricht und die Stimme des Herzens verstummt

Traumaerfahrungen führen dazu, dass Erlebnisse verdrängt, die erlebten Gefühle abgespalten werden und Körper und Seele nicht mehr gut miteinander harmonieren können.
So ist eine traumatisierte und in sich gespaltene Mutter emotional abwesend. Sie kann ihr Kind mit seinen Bedürfnissen nicht wahrnehmen, wodurch sich das Kind in den Augen der Mutter nicht finden kann. Es fühlt sich nicht gesehen, erlebt beängstigende Verlassenheitsgefühle und kann keine gesunden Bindungsgefühle entwickeln. Um die Aufmerksamkeit der Mutter zu erreichen, erlernt es ein angepasstes Verhalten, statt eine gesunde Autonomie zu entwickeln.
Aus einer gesunden Bindung bewegt sich das Kind heraus. Es entwickelt eigene Interessen und Wünsche. Aus den Erfahrungen mit seinen Eltern schöpft es Sicherheit und sucht später die Eigenständigkeit.
Ein Kind jedoch, das keine Sicherheit erlebt, kann sich nicht von der Mutter lösen. Psychisch bleibt der Mensch in sich „verwirrt“ und ebenfalls gespalten. Auf der Suche nach Sicherheit bleibt er auf der unbewussten Ebene mit der Mutter und ihren Gefühlen „verstrickt“ und lebt dadurch auch weiterhin ihre Gefühle. – Bildlich gesehen lebt in vielen Menschen ein kindlicher Anteil, der sich nicht abgrenzen konnte und wie die Mutter ist.
Erst die neuesten Forschungen ermöglichten dieses Wissen um die Zusammenhänge. Noch bis in die 60er Jahre glaubte man, kleine Kinder würden nicht merken, was um sie herum geschieht. Entsprechend wurden sie oft achtlos von Eltern behandelt, denen ihrerseits jede Empfindsamkeit und der eigene Wille aberzogen oder gar gebrochen worden war.

Hungrige Herzen

Kindliche Erfahrungen bilden die Grundlage der Persönlichkeitsentwicklung eines jeden Menschen, prägen ihn und bestimmen seine Entscheidungen und Überzeugungen.
Viele Menschen bemühen sich ständig, allen Anforderungen gerecht zu werden. Dahinter steckt oft ein mehr oder weniger unbewusstes Gefühl von Unzulänglichkeit und der ständige Wunsch nach Anerkennung lässt sie nach Perfektionismus streben und treibt sie zu übermäßiger Arbeit an. Verbreitet ist auch die Sucht nach Ablenkung, Drogen oder Beziehungen, hinter der unerkannt die Existenzangst und tiefste Verlassenheitsgefühle verborgen sind.

Hinter jeder Sucht verbirgt sich die Suche nach Ruhe und
Zufriedenheit, hinter jedem Schmerz der Wunsch nach Liebe und Zuwendung

Vielen Menschen fehlt das Empfinden von innerer Sicherheit und Zufriedenheit. Sie setzen alles daran, diese Lücke in sich zu schließen, doch tatsächlich bekämpfen sie ihre innere Existenzangst. In Psyche und Körper besteht dadurch ein enormer Zwiespalt. Er verbraucht viel Energie, die irgendwann erschöpft ist. Der moderne Begriff dafür ist „ausgebrannt“ und Krankheiten, Depressionen, Beziehungskrisen sind die Folge.

Nachkriegskinder

Statistiken besagen, dass die Rate der psychischen Erkrankungen noch nie so hoch war wie heute. Besonders betroffen ist die Generation, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden – in der Nachkriegszeit, die von emotionaler Betäubung, von Verdrängung der Gefühle und von Sprachlosigkeit geprägt war.
Kürzlich drückte ein Teilnehmer in einer Fernsehdiskussion sein Unverständnis für Menschen mit Burnout so aus: „1946 wurde mehr gearbeitet als heute, ich habe Hochachtung vor der Leis-tung der Trümmerfrauen. Die hatten kein Burnout.“
Unter dem psychologischen Verständnis von Überlebensstrategien und dem Verdrängen von traumatischen Erlebnissen war das ein typisches Verhalten. Nach außen konnten die Frauen die Trümmer des Krieges beseitigen und ihr seelisches Leid durch Arbeit und Härte ausblenden. Doch die Trümmer in ihren Seelen blieben hinter Schweigen und Empfindungslosigkeit bestehen. Ihre Kinder erlebten emotional unerreichbare Eltern, deren unaussprechlicher Schmerz ständig gegenwärtig war.
Heute „gedenken“ wir des brennenden Reichstages, der brennenden Synagogen und der brennenden Städte – sie wurden wieder aufgebaut und das Leben ging für die Überlebenden weiter – mit ausgebrannten Seelen.
68 Jahre nach Kriegsende können sich in der Psychotherapie der Patienten mit chronischen psychosomatischen Erkrankungen vorsichtig die Schleusen für ungeweinte Tränen öffnen und die Erschöpfung von übergroßen Anforderungen, die ihre Psyche schon früh überfordert hat, zeigt sich.

Fallbeispiele

Ein Patient sagt nach einem Herzinfarkt: „Ich trage die Last meiner Eltern und zerbreche an der unlösbaren Aufgabe, sie für sie zu lindern. Obwohl sie inzwischen gestorben sind, bin ich nicht frei und fühle mich unfähig, mein eigenes Leben zu genießen. Ich habe gelernt, keine Ansprüche zu stellen und kann der Stimme meines Herzens nicht folgen d.h. bis heute meine eigenen Wünsche nicht mitteilen. Ständig lebe ich in dem Gefühl von Unzufriedenheit und Existenzangst und der Unfähigkeit mich entspannt wohl zufühlen.“
Eine depressive Patientin mit Migräneattacken sagt von sich: „Ich bin zurückhaltend und dränge mich nicht in den Vordergrund. In Diskussionen habe ich keine eigene Meinung. Ich habe mich immer um das Wohl meiner Familie gekümmert und stehe doch heute alleine da und bekomme weder Dank noch Anerkennung.“
Ihr Vorwurf richtet sich nicht gegen die Mutter, die sie heute pflegt, sondern gegen ihren Mann und ihre Kinder. Die grenzen sich von ihr ab und damit fühlt sie sich wieder „im Stich gelassen.“
Erst als sie im schützenden Raum der Therapie ihre Kindheitserfahrungen und die Geschichte der Eltern im Krieg erkennen konnte, lösten sich Depression und Schmerzattacken und tiefe Trauergefühle befreiten ihre Seele und den Körper.

Der heilende Weg nach innen

Solange wir die ‚Schuld‘ für Krankheit und Erschöpfung in den Anforderungen des Alltags suchen, z.B. in den Arbeitsbedingungen, bei Partnern oder in Umweltbelastungen, sind wir auf dem falschen Weg.
Mit symptomatischer Medikamentenbehandlung oder Operation finden wir weder die Ursachen von Krankheiten noch ist dadurch deren ursächliche Heilung möglich. Auch finden wir keine Hilfe bei quälenden Gedanken und Fragen wie „Ich kann nicht mehr! Alles ist sinnlos! Was ist mit mir los? Was mache ich falsch? Warum schaffe ich es nicht zufrieden zu sein?“
Insbesondere die Erkenntnisse der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie bieten hier neue Lösungsansätze. Der heilende Weg nach innen ermöglicht die Befreiung von verdrängten Erfahrungen und die Belebung der abgespaltenen Gefühle. Es ist ein Weg zur wahren Not der Seele, die hinter dem Streben nach Liebe und Anerkennung verborgen ist.
Prof. Dr. Franz Ruppert entwickelte für die Therapie die Methode der Traumaaufstellung auf der Basis von Bindung und Trauma. Sie kann hilfreiche Lösungsansätze bei Erkrankungen und Beziehungskonflikten bieten, die durch Gespräche oder rationale Überlegungen nicht erreicht werden können.

Was geschieht bei einer Traumaaufstellung?

Der wesentliche Unterschied zum Familienstellen besteht darin, dass das Anliegen, um das es geht, aufgestellt wird. Dabei ist es zunächst wichtig, sich der eigenen Situation zu stellen verbunden mit dem Wunsch erfahren zu wollen:

• was die Krankheit oder Problem erzeugt hat bzw. was sich dadurch ausdrückt
• in welchem Zusammenhang die aktuellen Probleme mit eigenen Traumata und den Ereignissen der Eltern- und Großelterngeneration stehen
• eine neugierige Haltung: „Ich möchte anschauen, was ist. Ich möchte mich selbst sehen, hören, fühlen und begreifen können.“

Jeder Schritt zur Klärung wird durch das Anliegen bestimmt. Die Tatsache, dass es im Vordergrund steht, bedeutet einen Schutz vor Überforderung oder Re-Traumatisierung.
Zu Beginn der Aufstellung in einer Gruppe wählt der/die Ratsuchende eine/n Stellvertreter/in für das Anliegen – eine Krankheit oder ein Symp-tom – und stellt sich ihm gegenüber.
In dem, was in dieser Begegnung erlebt wird und in den Aussagen, die gemacht werden, ‚spiegelt‘ sich das eigene Befinden und etwas, was sonst, wie in einem ‚blinden Fleck‘ nicht sichtbar ist.
Ganz wichtig ist es, sich selbst und den kindlichen Anteilen in sich mitfühlend zu begegnen und die psychische Verwirrung und Spaltung zu erkennen. Am schwierigsten hierbei ist es, den psychischen Schmerz und die Leere des Kindes zu fühlen, nicht dagegen anzukämpfen und sich ihm stattdessen mitfühlend zuzuwenden.
Dadurch wird etwas Verborgenes aufgedeckt und kommt ans Licht. Ursächliche Konflikte werden bewusst und greifbar, so dass eine Änderung erfolgen und sich die leidvolle Situation auflösen kann.
Die fehlende Sicherheit im Außen zu finden, ist eine Illusion, die nun aufgegeben werden kann. Wir finden sie in uns selbst, wenn wir die Verantwortung für unser Leben übernehmen, lernen wieder auf unser Herz zu hören und uns unseren Wunden liebevoll zuwenden.

Beate Koch

Vortrag und Seminar mit
Prof. Dr. Franz Ruppert:
Sind körperliche Erkrankungen Traumafolgen?
11. und 12.10.2013 in Essen

Info und Anmeldung:

Beate Koch
Tel. 0201 - 24 37 298
www.beate-koch.de

Weitere Informationen:

www.franz-ruppert.de








 

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