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Tausend Wege zum Glück

von Maria Bachmann

Heute ist das Meer glatt wie ein Spiegel und weich wie Samt. Ich befinde mich in Griechenland auf der Insel Korfu, genauer gesagt in Arillas, einem kleinen, noch recht ursprünglichen Städtchen. Gerade ist mir beim frühmorgendlichen Yoga am Strand im Schulterstand eine Prise Sand ins Auge geweht worden. Na prima: Yoga soll meinen Blick weiten und mich nicht erblinden lassen! Aber wer heimlich linst, wie es der braungebrannte Nachbar macht, den bestraft das Leben. Nach der Endentspannung wate ich ins Meer. Ich schwimme. Hinaus, wo es tief ist und man auf den Grund nicht mehr sehen kann. Die meisten Touristen schlafen hier noch. Oder sollte ich sagen, die „Selbstsucher“, die, „Die-mit-dem-Lebenssinn-tanzen“? Die, die alle in ihre Abgründe blicken und dort mehr oder weniger gesunkene Schätze entdecken?
In dieser kleinen, bergigen Gegend gibt es inzwischen drei große spirituelle Seminar-Zentren: eins mit Fokus auf „Celebration und Lebensfreude“, eins mit etwas künstlerisch-psychologischer Ausrichtung und eins, das sich an Oshos Lehren orientiert. Die Kurse sind gut besucht und es gibt viel Auswahl: Tantra, Satsang, Yoga, Malen, Körperarbeit. Ich bin mitten drin, mache nichts als Urlaub (die Yoga-Übungen mit Sandeinlage gehören auch dazu) und tausche mich mit Ma Prem Radha, Shiva, Werner und Claudia über unsere Freuden und Anstrengungen aus, das Glück zu finden. Ich heiße immer noch Maria, weil ich mir dachte, die Mutter Gottes kam mit ihrem Namen auch ganz gut durchs Leben. Also halte ich es auch so. Auf jeden Fall gibt es bei den Unterhaltungen viel zum Schmunzeln.
Apropos Schmunzeln: darf man das überhaupt, wenn man auf dem Weg zur Selbstfindung ist? Ist es nicht das wichtigste und, ja, sogar heiligste Thema für uns alle? Sind wir nicht deshalb hier auf diesem Planeten? Um uns selbst zu entdecken, zu erkennen, wie und wer wir sind, unsere wahre Essenz zu erfahren und dem schnöden Ego zunehmend den Saft abzudrehen? Bitter ernst ist die Angelegenheit dennoch nicht. Mit ein wenig Selbstdistanz ist es ganz leicht, hin und wieder einmal einen Ausfall-Schritt zur eigenen Seite zu wagen und sich selbst auf dem Weg zur Erleuchtung zuzugrinsen. Wenn man bedenkt, wie viele teils irrwitzige oder unersprießliche, teils gegensätzliche, manchmal zauberhaft abstruse Möglichkeiten uns die Selbsthilfe-Industrie, die Weisheitslehrer, die Erleuchtungslehren zur Verfügung stellen! Ein Augenzwinkern kann den Weg zum Glück sogar verkürzen. Soweit ich weiß, lacht das Glück gern!

Patentrezept fürs Glück?

Während ich bei jedem Schwimmzug das sanfte Meerwasser vor mir teile und dabei überlege, wie weit es wohl noch zur gegenüber liegenden Dracheninsel sein mag, fällt mir ein, wie irreführend einige der vielen Hilfs- und Heilslehren im Laufe der letzten zwanzig Jahre für mich waren. So wollte ich zu allererst selbstverständlich partout nicht in mein verstricktes, düsteres Inneres blicken. Die Wahrsagerin sollte mein Glück vorhersagen und: sie tat es. Aber irgendwie trat es uneindeutig ein, oder vielleicht konnte ich es nicht als „Glück“ erkennen. Mir fiel auf, dass ich wie die meisten Menschen war: wir wollen, dass es uns mit ein paar Zaubertricks besser geht. Durch den Sumpf einer Vergangenheitsbewältigung will niemand freiwillig gehen!
Also: kreier dir dein tolles Leben selbst. Viele neue Ansätze der Visualisierung, der Selbstermächtigung, der Erschaffung meiner Realität. Puh, ganz schön viel Auswahl. Welche ist die beste? Die günstigste (Buch) oder die teuerste (mehrtägiges Seminar mit Arbeitsbüchern und Fortsetzung)? Aber immer alles selbst ausdenken, immer wissen was man will – meine Güte, das kann schlauchen. Und: woher weiß ich eigentlich, was das Richtige für mich ist? Woher weiß ich, dass nicht alles aus dem Ego kommt? Wieso gibt es immer wieder diese vermaledeiten Rückschläge, die Tiefschläge? Hab ich nicht gut genug „kreiert“?
Ich bin sicher, dass es bis zur gegenüberliegenden Insel mindestens zwei Kilometer sind und ich habe keine Ahnung, ob ich so weit schwimmen kann. Ich drehe mich auf den Rücken und schwimme weiter. Rückenschwimmen soll ohnehin meine vom Geistheiler begradigte Wirbelsäule entlasten. Über dem Hügel kommt die Morgensonne raus und wirft ihr wärmendes Licht auf mich.
Meine Gedanken fließen weiter. Sagen nicht die großen spirituellen Meister, dass ohnehin jenes das richtige ist, was gerade sowieso ist? Na klar!
Also Schluss mit dem Kreieren – jetzt geht es allein um die Akzeptanz, das Finden des Glücks im jetzigen Moment. Denn die Zukunft gibt es eh nicht, wieso sich also mühsam was wünschen, wenn das Universum mir perfekt alles serviert, was ich gerade brauche... Also, nichts mehr tun. Aber wo ist dann mein freier Wille, meine Entscheidungskapazität? Was ist mit Zielsetzungen? Die sind doch wichtig!
Ich entscheide mich, ganz hinüber zu schwimmen, egal, wie weit es noch ist. Das müssen vor mir auch schon andere geschafft haben. Nur, wer holt mich drüben wieder ab?
Mir fällt der Leitsatz eines weiteren geschätzten, weisen Mannes ein: dass wir das Universum selbst sind. Was für eine radikale Erkenntnis! Das kann ich immer wieder ansatzweise erleben, für einen Moment oder zwei, so wie jetzt gerade im klaren Wasser oder in tiefer Meditation. Dann ist da unendliche Dankbarkeit. Weniger allerdings, wenn ich gerade im Wochenendestau auf der A 9 stehe. Aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Das A + O: Fühlen

Von weitem scheppert gemächlich ein rotes Tretboot auf mich zu, zwei Leute drauf winken mir zu, rufen „Huhu, der frühe Vogel fängt den Wurm!“. Ich winke zurück. Es sind Herbert und Gabi, Freunde von mir. Jetzt fühle ich mich erst recht angespornt, weiter zu schwimmen. Die beiden schippern neben mir her, allzeit bereit, mir Asyl auf ihrem Boot zu gewähren.
Wenn ich mich – wie meist - nicht als Universum wahrnehmen kann, was dann? So kann ich zumindest noch meine eigenen Gefühle fühlen, nehme ich den Faden wieder auf. Immer. Das habe ich lange im Satsang beim Meister gehört und geübt. „Fühl das Gefühl, hör nicht auf die Kopfgeschichte“. Also, nichts kreieren, sondern fühlen. Die Angst vor der Angst verlieren. Ich schwimme nun seitlich: eine neue Technik, die ich soeben erfunden habe.
Man kann auch „The Work“ praktizieren, d. h. die Sätze umzudrehen. Oder MET oder die Zwei-Punktmethode anwenden. Oder die „Dämonen“ füttern, das machen die Buddhisten. Oder über glühende Kohlen gehen. Ich habe die Qual der Wahl. Wichtig ist: dabei fühlen. Fühlen ist immer gut. Solange ich was fühle, lebe ich. Und solange ich lebe, ist das Glück in Reichweite, wie die gegenüberliegende Dracheninsel oder notfalls das Tretboot meiner Freunde. Es gibt viele Wege.
Heilsteine, Energietherapie, Bachblüten, Tarot, Channeling, Engel befragen, den Körper besingen lassen, auf Visionssuche gehen. Alles, um klarer, freier, zufriedener und glücklicher zu werden.
Bei einer indianischen Schwitzhüttenzeremonie in einer klirrend-kalten Silvesternacht habe ich das Glück nicht gefunden. Aber da fand ich zwischen zwei gerufenen „O mitakuye oassin“ viel Überraschendes über mich selbst. Beim Aurafriseur fand ich das Glück auch nicht. Eher meine Wut auf selbst ernannte Haar-Gurus. In der Meditation fand ich Frieden, nach einer Energiebehandlung die Liebe zu meiner Mutter und nach einer abgebrochenen Water-Balance-Session den Zugang zu meinem mangelnden Vertrauen in fremde Menschen. Und was ist nun das Richtige im Glücks-Verheißungs-Dschungel? Vielleicht immer genau das, was man gerade tut.
In meinem Fall im Augenblick: das stetige Vorwärtsbewegen im Meer, das heute so gütig auf Wellen verzichtet.

Das Glück ist überall

Bin nicht ich selbst der Schlüssel zu meinem Glück? Und alles andere nur mal viel oder mal weniger oder mal gar nicht hilfreiches Werkzeug, das mich auf dem Weg unterstützen möchte?
Die Sonnenstrahlen erleuchten mein Gesicht und gewinnen an Kraft. Gabi knipst ein Foto von mir im Wasser und Herbert spornt mich an: „Noch zirka zweihundert Meter bis zur Dracheninsel!“ Fast greifbar ragt sie vor mir in die Höhe, mit spitzen Felsen, bemoosten Hügeln und einer kleinen Kiesbucht. Die zweihundert Meter erscheinen mir plötzlich wie zwei Kilometer.
Mir fällt ein Satz ein, ich weiß nicht, von wem er ist: „Wenn wir immer nur glücklich wären, würden wir es nicht aushalten, wir wären todunglücklich.“ Was für eine Erleichterung! Was für eine Entlastung!
Ich lache, reiße mich zusammen und mobilisiere meine Kräfte. Noch fünfzig Meter, noch zehn, noch vier, noch drei, noch zwei, noch einer: meine Hand greift an den stacheligen Felsen der Dracheninsel. Um mich herum wimmelt es von Insekten. Ich hab es geschafft! Ich atme tief.

Ich bin glücklich!

Ich klettere auf einen der Steine und sehe auf`s Festland Korfu hinüber. Dort wartet mein wohlverdientes Frühstück auf mich – hier die griechischen Drachen hinter den Büschen. Und wo wartet das Glück? Dort, hier und überall. Ich muss es nur erkennen.

PS: die Dracheninsel bei Arillas, Korfu, ist ca. 1800 vom Ufer entfernt. Ich bin über eine Stunde ohne Unterbrechung geschwommen – zum ersten Mal...

Maria Bachmann ist Schauspielerin, Buch- und Drehbuchautorin und Coach. Bekannt wurde sie durch zahlreiche Rollen in TV-Filmen und Fernsehserien, erstmals 1993 durch ihren Werbespruch „... dann klappt`s auch mit dem Nachbarn“. Von Berufs wegen offen für Neues, blickt sie gern über den Tellerrand des Alltäglichen hinaus. Ihr Interesse an Selbstentfaltung und ihre persönliche sowie künstlerische Auseinandersetzung mit sich führte sie zu namhaften psychologischen Trainern und spirituellen Lehrern.

Das Buch zum Thema:
Bin auf Selbstsuche – komme gleich wieder
20 Jahre auf dem Weg zum Glück
Verlag Ludwig, Randomhouse
www.mariabachmann.de








 

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