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Über Wasserschildkröten

... oder let God do!

Anfang September, als die Tage ein letztes Mal hochsommerlich warm wurden, ging ich an einem nah gelegenen See in der frühen Mittagssonne spazieren. Über einen Trampelpfad stieg ich zum Wasser hinunter. Ich wollte mich eine Weile auf den dort angelegten Holzsteg setzen, um die Stimmung auf mich wirken zu lassen und zu genießen. Beim Hinuntersteigen hörte ich neben mir mehrmals Plop Plop Plop, da platschte etwas ins Wasser. Was war das? Leise ging ich bis zum Steg, ganz still blieb ich dort hocken und wartete.
Einige Meter neben mir ragten mehrere dicke, zum Teil noch grün belaubte Äste eines Baumes ins Wasser. Dort musste ein Tier gesessen und sich vor mir in Sicherheit gebracht haben. Und dann sah ich es: im Wasser war eine Schildkröte! Sie streckte nur ihren Kopf heraus und lag völlig bewegungslos da. Ob sie mich ansah, konnte ich nicht beurteilen, ganz sicher aber hatte sie ihre Aufmerksamkeit auf mich, den Ruhestörer, gerichtet. Ich wunderte mich und überlegte, was diese Schildkröte da machte, ob sie schon lange dort lebte, ob sie Hilfe bräuchte. Und dann, einige Minuten später, als ich wieder Richtung Baumstamm blickte, saßen auf dem Stamm, der an dieser Stelle vielleicht 15 cm aus dem Wasser ragte und parallel zur Oberfläche verlief, drei weitere Schildkröten. Sie saßen dort völlig regungslos in der Sonne. Sie waren es also, die diese Geräusche verursacht hatten. Sie hatten dort in der Sonne gelegen und die Wärme in sich aufgenommen, und als ich ahnungslos in ihren Bereich eindrang, hatten sie die Flucht ergriffen.
Ich blieb eine ganze Weile auf meinem Steg hocken und beobachtete diese Tiere. Sie beeindruckten mich zutiefst. Sie taten nichts, außer dass sie natürlich atmeten, aber auf die Entfernung von einigen Metern sah ich sie absolut still sitzen, nahm keine Bewegung an ihnen wahr. Was dachten sie? Was fühlten sie? Hatten sie Pläne? Erinnerten sie sich? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf und ich versuchte, mich genauso wie diese Schildkröten zu fühlen. Wunschlos glücklich in diesem warmen und sonnigen
Augenblick, einfach nur still und aufnehmend, annehmend, Wärme durch meine Haut in meinen Körper eindringen lassend, vielleicht auch Gott dankend, genießend.
Was fühlen Schildkröten, wenn sie so friedlich die Sonne genießen? Mir kam der Gedanke, wie wunderbar es um die Erde bestellt wäre, wenn wir Menschen uns wie die Wasserschildkröten verhielten. Wenn alle Menschen in diesem Moment einfach ihre Tätigkeiten einstellten, sich nur der Wärme hingäben und genießen könnten.
Und wieder wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, innezuhalten. Langsamer zu werden. Zu entschleunigen. Still zu werden. Nichts zu tun.
Obwohl es sich das so einfach anhört, ist es doch oft das schwierigste. Als regelmäßig Meditierende weiß ich das aus eigener Erfahrung sehr gut. Oft erscheint alles wichtiger, selbst die unwesentlichsten Tätigkeiten, als mein Kissen zu nehmen und mich für eine Stunde still darauf zu setzen, die Sinne nach innen zu richten, die Gedanken langsam loszulassen, nur noch den Atem zu beobachten und anzunehmen, was da ist. Nichts mehr zu tun als anzunehmen und zu beobachten. – Ich glaube, die Schildkröten könnten uns hierin hervorragende Lehrer sein. Wir können es ihnen nachmachen, Tag für Tag. Sie bräuchten keine Worte, um uns zu lehren, um was es eigentlich geht im Leben. Die Welt wäre geheilt, wenn wir uns nur alle regelmäßig wie diese Schildkröten verhalten und deren annehmenden, friedlichen Geist in uns wachrufen könnten.
Dazu fällt mir ein: let God do. Auch wenn die Schildkröten diese drei Worte sicherlich nicht denken, so bin ich sicher, spüren sie etwas von der Heiligkeit und Schönheit des Augenblicks. Sie spüren die Erhabenheit und die Vollendung dieser Stimmung.
Und wenn ich mich heute auf meine Matte setze, um still zu sein und in mich zu schauen, werde ich dem Universum alle Tore in mich hinein öffnen und alles annehmen, so, wie es die Schildkröten tun. Let God do. Es gibt nichts zu tun. Nehmen wir einfach an, was ist, und bleiben friedvoll und geduldig. Alles ist richtig. Alles ist da. Mehr gibt es nicht. So einfach.

Ricarda Flender
Yoga- und Meditationslehrerin
www.seelenbaum.eu


 

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