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Wirbelsäulen- und Gelenk Qigong

Chan Mi Gong
Ein Yin-Qigong als Quelle des Yang

Als eigenständiges Qi Gong System wurde Chan Mi Gong von Großmeister Liu Han Wen 1984 zum ersten Mal öffentlich unterrichtet. Die Vorfahren von Liu Han Wen praktizierten verschiedene Arten von Qi Gong und Chinesische Medizin. So wurde er schon in frühester Jugend in uralte Praktiken eingeweiht. Er systematisierte dieses Wissen und entwickelte daraus eine eigene Qi Gong Methode, die er unter dem Namen Chan Mi Gong bekannt machte.
Chan Mi Gong hat seinen Ursprung vorwiegend in zwei Schulen des chinesischen Buddhismus, nämlich der Chan-Schule und dem MiJiao. Das Wort Chan ist eine Übertragung des Sanskrit-Wortes Dhyana ins Chinesische und bedeutet Meditation, Sammlung des Geistes und Versunkenheit. Chan ist auch der Name einer um 500 n. Chr. entstandenen buddhistischen Schule, als deren Begründer Bodhidharma gilt. Chan ist im Westen besser unter dem japanischen Namen Zen bekannt. Mi bedeutet in der chinesischen Sprache geheim und verweist im Chan Mi Gong auf die Wurzel des MiJiao. Dieser Name bezeichnet esoterische und tantrische Schulen des Buddhismus, die im 7. und 8. Jahrhundert von Indien nach China gelangten und Gemeinsamkeiten mit dem tibetischen Vajrayana aufweisen.
Ursula Stummvoll lernte Chan Mi Gong 1987 in Peking kennen. Noch während ihres Aufenthalts in China begann sie chinesische Übungsschriften von Liu Han Wen ins Deutsche zu übersetzen und machte Chan Mi Gong im deutschsprachigen Raum bekannt. Durch ihre eigene Lehrtätigkeit sowie die von ihr ausgebildeten Lehrer und chinesische Meister wurde Chan Mi Gong in der Folge in Deutschland verbreitet. So fanden u.a. Seminare statt mit Meisterin Ma Hui Wen, Meister Wang Yu und Großmeister Liu Han Wen, der 1993 zum ersten Mal in Deutschland unterrichtete. Seit Mai 2004 ist Wang Jian, der jüngste Meisterschüler von Liu Han Wen, immer wieder in Deutschland als Lehrer tätig.

Chan Mi Gong

In China hat sich im Lauf von Jahrtausenden eine Vielzahl von Übungssystemen zur Pflege der Gesundheit entwickelt, die heute unter dem Namen Qi Gong zusammengefasst werden. Qi wird meistens mit Lebensenergie übersetzt. Gong bedeutet Arbeit, aber auch Wissen. Im Qi Gong wird Qi mit Hilfe von Bewegung Atem und Vorstellung zum Nähren der Gesundheit eingesetzt. Die Bewegungen sind dabei entspannt, weich-fließend und rund. Qi Gong wirkt sich günstig aus auf die Selbstregulierung des Körpers, beruhigt den Atem und den Geist.

Chan Mi Gong ist eine besondere Form von Qi Gong

Chan Mi Gong ist Meditation in Bewegung. Es ist Ruhe in der Bewegung und Bewegung in der Ruhe. Typisch sind vor allem sanft fließende Wellenbewegungen der Wirbelsäule (Basisübung), die ganz ohne Kraftanstrengung ausgeführt werden und in jedem Lebensalter geübt werden können. Aus der Mi-Tradition kommt die Methode, Übungen allein in der Vorstellung auszuführen. Befreit von religiösem Beiwerk sind die Übungen, die ursprünglich aus einem vorwiegend buddhistisch geprägten Umfeld stammen, nun jedermann unabhängig von Religion und Weltanschauung zugänglich. Chan Mi Übungen erhöhen die Lebensqualität, indem sie Ungleichgewichte von Körper und Geist ausgleichen. Letztlich können sie zu verbesserter Gesundheit, mehr Bewusstheit und Gelassenheit führen.

Bodhidharma

Bodhidharma (chinesisch PutiDamo oder einfach DaMo, japanisch Daruma) war ein indischer Adeliger, der als buddhistischer Mönch um 500 n.Chr. nach China kam. Über ihn gibt es eine Vielzahl von Legenden. Die folgende Geschichte charakterisiert anschaulich die Kernpunkte seiner Lehre.
Nach seiner Ankunft in China machte er dem Kaiser Wu seine Aufwartung. Der Kaiser, der ein Förderer des Buddhismus war, Tempel bauen und Sutren übersetzten ließ, fragte, welche Verdienste er damit erworben habe. Bodhidharma antwortete: „Keine“. Der Kaiser fragte weiter, was der Kern der heiligen Wahrheit sei. Diesmal lautete die Antwort: „Offene Weite, nichts von heilig”. Dies war nicht, was der Kaiser erwartet hatte, aber er stellte noch eine dritte Frage „Wer bist Du“. „Das weiß ich nicht“, entgegnete Bodhidharma und stieß damit endgültig auf Unverständnis und Ablehnung beim Kaiser. Bodhidharma zog weiter und ließ sich schließlich in der Nähe des Klosters ShaoLin nieder, wo er neun Jahre vor einer Wand meditierte und später Abt des Klosters wurde. Die Legende erzählt außerdem, dass er, um die körperliche Verfassung der Mönche und die Wehrhaftigkeit des Klosters zu verbessern, die Mönche in Körperübungen unterwies. Dies soll der Ausgangspunkt für die Kampfkünste und Qi Gong in ShaoLin gewesen sein, eine Praxis für die das Kloster noch heute berühmt ist.
Bodhidharma gilt als der Begründer der Chan-Schule und wurde ihr erster Patriarch. Im Westen ist diese Schule besser bekannt unter dem japanischen Namen Zen. Chan/Zen zeichnet sich dadurch aus, dass gelehrten Texten wenig Bedeutung beigemessen wird. Die Praxis besteht vor allem in Meditation und Übung von Achtsamkeit. Chan ist eine der Wurzeln von Chan Mi Gong, dessen Übungen auf ganz besondere Weise offene Weite verkörpern.

Chan Mi Gong

Chan Mi Gong ist äußerlich ein weiches Qigong, in dem die Wirbelsäule, alle Gelenke und der gesamte Körper wellenartig bewegt werden. Daher wird es auch gerne Wirbelsäulen- und Gelenk-Qigong genannt. Die weichen, fließenden Bewegungen entsprechen dem Yin, der „Quelle des Yang“. Das erwachende Yang beim Chan Mi Gong wird aus dem Yin geboren und führt zu einer starken Wirbelsäule, einer kraftvollen Himmels-Erd-Säule und einer von großer geistiger Kraft getragenen Anbindung an die grenzenlosen Himmels und Erdkräfte und deren göttlichen Yin- und Yang-Manifestationen. Das Aktivieren des Qi in der Wirbelsäule reguliert u.a. das Zentrale Nervensystem (z.B. bei MS, Parkinson, Morbus Bechterew) und kann sich positiv auf Haltungsstörungen, Rückenschmerzen, Erkrankungen der inneren Organe und auch psychische Störungen auswirken. Die sanften Bewegungen führen zu mehr Beweglichkeit und Geschmeidigkeit.
Auf einer feineren Ebene können Praktizierende eine Verbindung zum kosmischen Qi/Licht aufnehmen, Energiekanäle und Chakren öffnen und auf eine höhere Bewusstseinsebene gelangen.
Chan Mi Gong unterscheidet sich von vielen anderen Qigong-Formen hauptsächlich in 5 Punkten:
1. Bei allen Formen wird die Wirbelsäule und alle Gelenke kontinuierlich sanft und weich bewegt und damit der gesamte Körper mit einbezogen. Dies kann eine sehr heilende Wirkung auf das gesamte Knochengerüst, den Gelenken, Sehnen und Muskeln haben.

2. Die Fußspitzen werden leicht nach außen gestellt. Symbolisch öffnen wir uns damit zum Yin und den unermesslichen Schätzen der Erde, der Großen Mutter und öffnen unser Herz. Diese Fußhaltung unterstützt auch das Öffnen des Michu-Bereiches.

3. Es wird großer Wert auf die Entspannung des Michu-Bereichs und des dritten Auges gelegt. Das Michu liegt im Damm (inkl. den Dammpunkt Huiyin) und weitet sich beim Üben auf den Schambereich, die Blase, unteres Energie-Zentrum und die Geschlechtsorgane aus. Er wird als geheimer Ort mit unendlicher Tiefe bezeichnet, in dem geheime Kräfte gebildet und wirksam werden. Zu diesen geheimen Kräften zählen die Sexual- bzw. Schöpfungs-Energie oder Kundalini Energie. Nach buddhistisch-daoistischer Auffassung befindet sich die „Erdwurzel“ im Michu, d.h. die Yin-Kraft und das ihr gleichzeitig innewohnende Yang im Yin. Die nährende Mutter Erde, die uns im Strom des Wassers mit fließen lässt, spiegelt sich im Michu wider. Die „Himmelswurzel“ ist im dritten Auge des Menschen. Die Erde bzw. die Erdwurzel bietet den Samen, und die Himmelswurzel bringt alles in Bewegung. Im Chan Mi Gong sind Übende in jeder Übung mit dem Michu und dem dritten Auge in Kontakt, die sich über die leuchtende Wirbelsäule verbinden. Zwischen dem Michu und dem Dritten Auge, dem Bereich der Transformation, besteht eine weitere verborgene direkte Verbindung durch den Körper, die nach längerem Üben spürbar und sichtbar werden kann. Es ist ein sehr feiner Lichtkanal, der die Himmels- und Erdwurzel mit ihren immensen energetisch-leuchtenden Kräften in sich vereint und zu tiefen Einsichten führen kann.

4. Traditionell wurde im Chan Mi Gong nicht mit Meridianen/Leitbahnen geübt. Erst nach der Kulturrevolution Ende 1976 wurde vom Meister Liu Han Wen offiziell ein stärkerer Bezug zur traditionellen chinesischen Medizin/TCM hergestellt und die Leitbahnen bewusst mit einbezogen.

5. Eine Besonderheit sind die „magischen“ Laute/Mantren, Handhaltungen/Mudren und Visualisierungen. Dies entspricht der buddhistischen Schulung wie auch die Vorstellung des Lichts. Aus dem Yin erwächst ein starkes Yang

Körperbewusstsein und Sinnlichkeit

Chan Mi Gong bedeutet nicht nur körperliche Gesundheit oder Beweglichkeit, sondern auch sensibilisiertes Körperbewusstsein und Sinnlichkeit. Es ist eine QigongSchulung, in der es mehr um Spüren und Wahrnehmen geht als um die perfekte Form. Es ist nicht dogmatisch, sondern steht für Lust und Loslassen, Hingabe und Lösen von alten Mustern. Es ist wie ein chinesischer Tanz des Lebens, wie eine Rückkehr zum Ursprung, wie ein plötzliches Erkennen. Praktizierende können nach kurzer Zeit tief greifende, energetisierende und gleichzeitig befreiende Erfahrungen machen. Um das Yin zu stärken, werden die vier Außergewöhnlichen Meridian, Renmai, Dumai, Chongmai und Daimai geöffnet und reguliert, in höheren Aufbauübungen wird auch der Mittelkanal Zhongmai geöffnet. Die Bewegungen der Basisübungen gehen immer von einem Bewegungsimpuls im Steißbein aus, der sich durch die Wirbelsäule und dann durch den ganzen Körper fortbewegt. Gibst du dich dieser Bewegung ohne Ehrgeiz und Erfolgsdenken hin, passiert bewusst weiter nichts. Und dieses „Nichts“ ist genau das, worum es geht. Sich auf dieses „Nichts“ einzulassen, wann immer du übst, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, ist die hohe Kunst des Chan Mi Gong. Es hat immer etwas mit Loslassen und Hingabe zu tun. Selbstverständlich können auch Männer diese Qigongform erlernen. Sie werden merken, wie sie ihrer „inneren Frau“, ihrer Anima, ihrer Yin-Kraft näher kommen werden, um so das Yang-Prinzip auszugleichen.

Chan Mi Gong ist auch für Männer geeignet

Selbstverständlich können auch Männer dieses Yin-betonte Qigong praktizieren, und sie werden merken, wie sie ihrer „inneren Frau“, ihrem innewohnenden Yin-Anteil begegnen und es genießen werden. Dann lösen sich vielleicht Störungen oder Krankheiten auf, die einem zu starken Yang im Körper und Geist zugrunde liegen, wie Magengeschwür, Tinnitus, Kopfschmerzen, Prostataprobleme oder eine nach außen getragene übertriebene Männlichkeit. Für Männer kann das Chan Mi Gong wie ein „sanftes Krieger-Qigong“ wirken und dazu führen, dass sich Yin und Yang in ihm wunderbar vereinigen und er seinem Wesenskern begegnet. Der ist Yin, d.h. verletzlich, weich, mitfühlend und liebevoll.

Die Kultur des Glücks

Chan Mi Gong zu üben, kann bedeuten, dass der Körper gesund oder heiler, dass unser Geist heiterer und losgelöster und unsere spirituelle Seele genährt und zurückgeführt wird in einen Zustand des ursprünglichen Glücks. Langes Leben kann nur dann entstehen, wenn alle Geistesströme zusammenfließen. Dann kann Heilung auf allen Ebenen geschehen.
In der Chan Mi Gong Schule gibt es Übungen für die Schönheit und des Glücks. Wer denkt, dass dazu Massage-Techniken, Kräuter-Rezepte, Ernährungs-Hinweise oder sogar eine Diät nötig seien, ist „im Stall des Verstandes”. Der geheimnisvolle und doch so einfache Rat ist: Fröhlichkeit und Lachen führen zu Schönheit. Wie erreicht man das? Indem man loslässt von den „drei Geistesgiften” Gier, Hass und Verblendung. Wang Jian, ein in China lebender, sehr humorvoller Chan Mi Gong-Meister, lacht gerne mit seinen Gruppen. Lachen ist befreiend und virulent ansteckend! Lachen kostet nichts, es kann uns überall hin begleiten, es verlängert unser Leben und schafft immens positive Energien.

Lachen wider den tierischen Ernst

Die drei Geistesgifte loszulassen und mehr Heiterkeit und Glück in dein Leben zu bringen bedeutet auch immer, vom Ego loszulassen. Manchmal denke ich, lasst uns ein bisschen verrückter, freier und spontaner sein und die Dinge nicht mehr so ernst nehmen! Das widerspricht dem ernsthaften Anspruch an Qigong und seiner daostisch-philosophischen Tradition nicht. Auch in Qigong-Ausbildungs-Kursen darf gelacht werden. Laut Wang Jian explodieren während des Lachens die Zellen in unserer Wirbelsäule und im ganzen Körper. Unsere Zellen blühen wie Blumen und öffnen ihre Kelche. Unser Herz wird weit wie bei der Guanyin. Blumen symbolisieren Schönheit im tiefsten Sinne. Fröhlichkeit oder Heiterkeit entfalten sich von innen und strahlen nach außen. Wie erfüllst du dir diesen Wunsch nach innerer Schönheit und Heiterkeit? Es ist wie bei einer Bestellung beim Universum. Du formulierst innerlich einen klaren Wunsch und beginnst einen Dialog zwischen Himmel und dir. Dann lass vor deinem inneren Auge die Zellen in der Wirbelsäule und im ganzen Körper „explodieren”, so dass sich heilendes Licht überall ausbreiten kann. Lass dein Herz dabei weit, offen und mitfühlend werden. Spüre, wie sich wohlige Wärme in Form einen leisen, liebevollen Lächelns in dir ausbreitet. Lass es zu, wie du dich fallen lässt. Chan Mi Gong ist ist eine Schulung des Loslassens und Fallenlassens.

Petra Hinterthür

Die Autorin ist Qigong-Lehrerin und -Ausbilderin der Chan Mi Gong Gesellschaft und der Deutschen Qigong Gesellschaft, Autorin, Kalligraphin und Heilpraktikerin für TCM in Hamburg.

Weitere Informationen unter:
www.petra-hinterthuer.de
www.chanmigong.de

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