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Die Feldenkrais Methode

Alles im Leben ist Bewegung

Moshé Feldenkrais wird 1904 als Kind jüdischer Eltern in Russland geboren. Im Alter von 14 Jahren wandert er nach Palästina aus und studiert später in Paris Ingenieurwesen, Mechanik, Elektrotechnik und Physik. Er interessiert sich für Sport, besonders für Judo, und gründet den ersten Judo-Club Frankreichs. Als einer der ersten Europäer erlangt er den Schwarzen Gürtel. Feldenkrais flüchtet vor den Deutschen nach England und wird Angestellter der britischen Admiralität. Dort hält er vor Wissenschaftlern zahlreiche Vorträge, in denen er sich mit Bewegung, Schwerkraft und Lernen beschäftigt, den Grundlagen seiner Theorie und Methode. Er unterrichtet in Israel und in den USA, hält Vorträge und publiziert Bücher über seine Methode
„Bewusstheit durch Bewegung“; „Die Entdeckung des Selbstverständlichen“; „Das starke Selbst“. Ab 1975 bildet Feldenkrais in Israel und in den USA Studenten aus, die sein Wissen weitertragen.
Heute umfasst die 4 Jahre dauernde, international anerkannte, Ausbildung zum Feldenkrais-Pädagogen Inhalte aus der Anatomie und Physiologie des menschlichen Bewegungssystems, des somatischen Lernens und der Pädagogik.

Im Mittelpunkt: menschliche Bewegungsmuster

Feldenkrais hat sich intensiv mit menschlicher Bewegung und den so genannten „Bewegungsmustern“ beschäftigt. Jeder Mensch gewöhnt sich im Laufe seines Lebens an, Bewegungen auf eine bestimmt Art und Weise auszuführen – ohne dass er sich dies bewusst macht. Wir alle bewegen uns, ohne darüber nachzudenken, WIE wir etwas tun. Beispiel: Hände ineinander verschränken, Beine übereinander schlagen, Rechtshändigkeit, Linkshändigkeit.
Diese Gewohnheiten hinterlassen Spuren im Körper: Die Drehung geht nach einer Seite hin besser als zur anderen Seite. Die rechte Hand ist geschickter als die linke Hand, sie ist kräftiger und ihre feinmotorischen Fähigkeiten sind größer.
Feldenkrais hat auch erkannt, dass sich psychische Faktoren in den Bewegungen und im Gebrauch des Körpers niederschlagen. Als Beispiel führt er das „Körperschema der Angst“ an. Menschen, die in Angst leben, zeigen spezifische Körperhaltungen: Die Beugemuskeln der Körpervorderseite ziehen sich zusammen und weisen einen erhöhten Muskeltonus auf, es stellen sich Reizungen oder Störungen des Gleichgewichtsorgans und Schwindelsymptome ein. Wenn das Angstsyndrom sich nicht lösen lässt, wird dieses Körperschema zum Dauerzustand und etabliert sich als Bewegungsmuster. Dauerhaft erhöhter Muskeltonus führt zu Schmerzen! Der deutsche Mediziner und Wissenschaftler Wilhelm Reich beschreibt dieses Phänomen als „Verpanzerung“, die entsteht, weil Körper und psychisches Erleben miteinander in Verbindung stehen und Körper und Geist eine untrennbare Einheit sind.

„Wir handeln dem Bild nach, das wir uns von uns machen.“

Feldenkrais hat den Begriff des Ich-Bilds oder des Selbstbilds geprägt. „Wir handeln dem Bild nach, das wir uns von uns machen. Ich esse, gehe, spreche, denke, beobachte, (…) nach der Art, wie ich mich empfinde. Dieses Ich-Bild, das einer sich von sich macht, ist teils ererbt, teils anerzogen…“, schreibt er. Gemeint sind damit die vielfältigen Einflüsse, denen der Mensch ausgesetzt ist: Erziehung, Kultur, Gesellschaft, Wirtschaftsform usw.
Unser Gang, unsere Gesten, unsere Körperhaltungen spiegeln unser Erleben wider. Jemand, der glaubt, dass er klein ist, macht deshalb Trippelschritte, statt seine normale Schrittlänge zu benutzen. Jemand der glaubt, er sei zu groß, beugt den Rücken, um kleiner zu erscheinen.
Feldenkrais sah einen Zusammenhang zwischen Bewegen, Denken, Fühlen und Handeln und betrachtete den Menschen ganzheitlich, in dem alles mit allem zusammenhängt – ein komplexes Menschenbild, mit dem er seiner Zeit weit voraus war, denn die Begriffe ganzheitlich oder systemisch haben erst in den letzten Jahren an Bedeutung und Anerkennung gewonnen.

Möglichkeit der Selbstregulierung

Feldenkrais sah den Menschen als ein System an, das aus sich heraus zur Selbstregulierung fähig ist. Das System Mensch ist also beeinflussbar, und das soll nach Feldenkrais durch Selbsterziehung geschehen, also durch Lernen. Der Mensch kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, selbst aktiv werden und Einfluss auf sein Befinden, seine Gesundheit und seine Lebensqualität nehmen. Über die Selbsterziehung wird der Mensch vom passiven Erleiden zum aktiven Gestalten geführt, selbst wenn sich in der Gesellschaft, im Außen, nichts verändert.
Feldenkrais war der Ansicht, dass es über Bewegung am besten und am unmittelbarsten gelingt, den ganzen Menschen zu erreichen: sein Fühlen, Denken und Handeln - viel besser als über die Sprache. Deshalb ist die Feldenkrais-Methode eine Bewegungslehre oder ein Bewegungslernen, das der Feldenkrais-Pädagoge vermittelt. Diese körperliche Dimension von Lernfähigkeit bleibt bis ins hohe Alter erhalten und ist ein Schlüssel zu lebenslangem Lernen. Man spricht daher auch von Feldenkrais-Pädagogik oder von somatischem Lernen. Soma ist ein griechisches Wort und bedeutet Leib oder Körper des Menschen. Somatisches Lernen heißt, dass das geistig-seelische Empfinden an den Körper gebunden ist und Körper und Seele zusammengehören. In unserer Zivilisation ist diese Einheit seit einigen Jahrhunderten durch die Wissenschaften getrennt worden, in der Medizin etwa durch die Behandlung nur des Bereichs oder Organs, das krank ist und „repariert“ werden muss.
Für Feldenkrais war die Voraussetzung für dieses somatische Lernen die Bewusstheit. Wir müssen unsere Bewegungen mit Bewusstheit wahrnehmen, um zu lernen.

Bewegungsgewohnheiten

Im Laufe des Lebens schleichen sich vielfach, meist unbewusst, Bewegungsgewohnheiten ein, die uns nicht gut tun. Gründe dafür können Überlastungen in bestimmten Körperbereichen sein, auch das Vergessen von Bewegungsmöglichkeiten spielt eine Rolle. Natürlich beeinflussen uns dabei auch Krankheiten, oft zu unserem Nachteil durch eingeschränkte Beweglichkeit.
Bewegungsmuster im Körper entsprechen auch Mustern im Gehirn, denn jede Bewegung, jeder Reiz im Skelett oder in der Muskulatur kommt über das Nervensystem im Gehirn an. Jeder Körperbereich ist im motorischen Kortex des Gehirns repräsentiert. Durch Bewegungsgewohnheiten bilden sich im Gehirn entsprechende Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die gewohnheitsmäßig in Aktion sind.
Durch das bewusste, langsame Erforschen und Ausprobieren von neuen Bewegungen kommt auch das Gehirn in Bewegung, denn es bilden sich neue Nervenverknüpfungen. Neurologen oder Neurobiologen sprechen heutzutage von der Plastizität des Gehirns, das in der Lage ist, in jedem Lebensalter neue Reize zu verarbeiten und neue Nervenverschaltungen zu erzeugen. Diese Art des Lernens benötigt Zeit.
Feldenkrais hatte dies bereits in den 1940er Jahren erkannt, musste aber in vielen Aspekten dieses Punkts die Beweise schuldig bleiben, da damals noch keine der heute möglichen Verfahren zur Untersuchung des Gehirns zur Verfügung standen. Ohne die Lernfähigkeit hätte aber die menschliche Spezies im Laufe der Evolution nicht überleben und sich zur beherrschenden Art der Erde entwickeln können.

Feldenkrais-Techniken

Die Feldenkrais-Methode arbeitet mit zwei verschiedenen Techniken:

1. Bewusstheit durch Bewegung

„Bewusstheit durch Bewegung“ ist das Unterrichten einer Gruppe von Teilnehmern durch verbale Anleitung von Bewegungsabfolgen – ohne die Vorgabe von richtig oder falsch und ohne Vorgabe eines Ziels. Der Feldenkrais-Pädagoge gibt den Klienten an, welche Bewegungen sie machen sollen, und begleitet sie dabei durch zusätzliche Hinweise und Informationen, damit sie sich bewusst machen, WIE sie die Bewegungen ausführen. Die von Feldenkrais entwickelten Lektionen sind so konstruiert dass sie dem Rechnung tragen, was dem menschlichen Bewegungsapparat möglich ist. In diesem Punkt liegt der große Unterschied zu Gymnastik, Krankengymnastik oder Sport.

Wichtige Bestandteile einer Feldenkrais-Lektion

• Ausführung der Übungen im Liegen oder Sitzen, um die Muskeln zu entlasten, die den Körper gegen die Schwerkraft aufrecht halten
• langsame Bewegungen (Feldenkrais sagte: „Zum Lernen braucht einer Zeit.“)
• Kennenlernen der eigenen Bewegungen und Bewegungsmuster
• Ausloten von Grenzen (bis zu welchem Punkt tut mir die Bewegung gut?)
• keine Überschreitung von durch Schmerzen oder Bewegungsbeeinträchtigungen gesetzten Grenzen, kein Hineingehen in den Schmerz
• Reduzieren von Anstrengung im Sinne von sich etwas Gutes tun statt sich etwas abverlangen
• Steigerung der Körperwahrnehmung und Verfeinerung der Spürfähigkeit
• Kennen lernen neuer Bewegungsmöglichkeiten
• individuelles Lernen jedes einzelnen am eigenen Leib, in seiner eigenen Zeit, ohne die Vorgabe von richtig oder falsch
• Erforschen und Ausprobieren einer Bewegungen und zahlreicher Varianten davon. Dabei geht es immer um die grundsätzlichen Bewegungsmöglichkeiten, die das menschliche Skelett bietet: Drehen, Beugen, Strecken, Greifen, Laufen, Sitzen, so dass dies unser ganz normales Alltagsverhalten abbildet und auf dieses zurückwirkt, indem die neuen Bewegungsmöglichkeiten im Alltag eingesetzt werden können.

2. Funktionale Integration

Funktionale Integration ist der Begriff, den Feldenkrais für die Einzelbehandlung gewählt hat. Bei der Arbeit mit einer einzelnen Person, die auf einer Behandlungsliege liegt, stehen die individuellen Probleme der Person mit ihrer Beweglichkeit im Mittelpunkt, zum Beispiel Bewegungseinschränkungen, Schmerzen etc. Der Felden
krais-Pädagoge erforscht durch sanftes Berühren und Bewegen des Klienten dessen individuelles Bewegungsverhalten. Der Klient lernt, wo im Körper angespannte Bereiche sind, wo und wie er diese loslassen kann, um sich flüssiger, geschmeidiger oder schmerzfreier bewegen zu können.

Wirkungen der Feldenkrais-Methode

• Reduzierung von Muskelspannung
• Reduzierung von Stress
• Linderung von Schmerzen
• Verbesserung der Bewegungsmöglichkeiten
• Verfeinerung des Körpergefühls
• emotionales Wohlbefinden
• bessere Haltung, Koordination und Eleganz

Feldenkrais und Schmerz

Eine Anwendungsmöglichkeit der Feldenkrais Methode findet sich bei schmerzbelasteten Menschen. Schmerzpatienten bringen komplexe Beschwerden mit. Aufgrund der vielfältigen Schmerzen sind die Betroffenen in erhöhter Wachsamkeit gegenüber ihrem Körper und geübt in der Selbstwahrnehmung. Dies ist ein Punkt, der bei der Feldenkrais-Methode von großer Bedeutung ist. Da die Feldenkrais-Bewegungen sehr langsam durchgeführt werden und das WIE der Bewegung wahrgenommen werden soll, führt dies zu einer verfeinerten Körperwahrnehmung, die bei Schmerzpatienten oft schon vorhanden ist. Die Feldenkrais-Methode schafft einen Lernraum, der es ermöglicht, zu erkunden, wie viel von einer Bewegung schmerzfrei oder mit verringerten Schmerzen möglich ist. Jeder Klient kann wahrnehmen, wie weit ihm die Bewegung gut tut, ob und wie er sie ausführen möchte.
Dies eröffnet einen großen Freiraum, verbunden damit, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Falls eine Bewegung gar nicht ausgeführt werden kann, arbeitet Feldenkrais mit der Imagination: Der Teilnehmer stellt sich die Bewegung innerlich vor, ohne sie tatsächlich auszuführen. Auch eine „nur“ vorgestellte Bewegung bringt Impulse vom Gehirn zur Muskulatur.
Die Erfahrung, sich schmerzfrei oder mit weniger Schmerzen bewegen zu können, schafft Vertrauen in den eigenen Körper und dessen Fähigkeit zur Selbstregulation. Dies ermutigt zu neuen Erfahrungen, zum Beispiel schädliche Bewegungsmuster aufzugeben und durch neues Verhalten zu ersetzen.

Andrea Jung
Heilpraktikerin
Feldenkrais-Pädagogin

Weitere Informationen:
Praxis für Körpertherapie
& Homöopathie
Kurfürstenstraße 14
Düsseldorf
0211/87630299
www.nhp-duesseldorf.de


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