Balance1
Balance2

Am Weg zur Kathedrale von Chartres

 

Fast immer herrscht Gedränge am Vorplatz der Kirche Notre Dame in Paris. Touristen aus aller Welt wollen die Kathedrale an der Seine sehen mit ihren wunderbaren Fensterrosen, die ein Merkmal der Gotik sind.
Jedes Jahr pilgert eine Gruppe tausender Jugendlicher in einer Studentenwallfahrt von Paris in Richtung Süden zu einer noch eindrucksvolleren, noch mystischeren Kathedrale der Gotik – zum Marienwallfahrtsort Chartres und zum Schleier der Muttergottes.
Bereits einen Tag vor der Ankunft sieht man am äußersten Ende des Horizonts die beiden Türme der Kathedrale über den Feldern aufragen. Wenn man dann im Tal der Eure ankommt und von dort die 144 Stufen auf den Hügel von Chartres emporklimmt, erwartet einen hinter einem kleinen Tor am Eingang zur Innenstadt der erste Blick auf das Nordportal.
Gewaltig erhebt sich die Kathedrale in die Höhe, über dem Tor befindet sich eine der großen Fensterrosen, gekrönt von den weiter nach oben strebenden Baldachinen und Türmchen.
Die Kathedrale von Chartres ist ein Meisterwerk der Gotik. Staunen erfüllt alle, die dieses Bauwerk betrachten und erleben. Die Kathedrale ist eine Bibliothek aus Stein, in der Schätze des Wissens tausender Jahre enthalten sind. Die Art der Statik, Raumgestaltung und die einzigartige Glasfärbekunst beeindrucken bis heute.
Chartres ist schon seit langer Zeit ein heiliger Ort. Die keltischen Druiden verehrten hier an einer heiligen Quelle eine „reine Jungfrau, die den Erlöser bringen wird“. Als die christliche Mission um 300 n. Chr. Chartres erreichte, hatte sich das Volk um Chartres bereits dem Christentum zugewandt, denn die Prophezeiungen hatten sich erfüllt.
Heute befindet sich dieser Brunnen aus vorchristlicher Zeit in der Unterkirche. Blickt man hinein, so sieht man den Wasserspiegel in 36 Metern Tiefe.
Bereits im 4. Jahrhundert wurde Chartres Bischofsitz. 876 schenkte Karl der Kahle Chartres das Gewand der Jungfrau Maria, das diese bei der Verkündigung getragen haben soll. Chartres ist eine „Notre Dame“ geweiht „unserer Frau Maria“. Doch nicht nur Maria ist in den Fenstern und Figuren zu finden, sondern ein Drittel aller Abbildungen sind Frauen. Anders als in späteren Jahrhunderten sind viele Frauen und ihre Geschichten vertreten.
Auch ist die Kathedrale nicht auf die Sonne, sondern auf den Mond ausgerichtet. Ihre Achse liegt nicht wie üblich in der West-Ost-Richtung, sondern zeigt 43 Grad nach Nordosten. Dies ist der nördlichste Punkt des Mondaufgangs.
Im 12. Jahrhundert wurde vor dem frühromanischen Bau eine Vorhalle mit zwei Türmen errichtet. Bei einem Brand im Jahre 1194 wurde die romanische Kathedrale bis auf die Fassade der Vorhalle, die Türme und die Unterkirche zerstört.
Groß war die Bestürzung in der Bevölkerung, dass Kirche und Schleier nun verloren waren. Doch während des Brandes gelang es einigen Männern, sich mit dem Schleier in der Unterkirche zu verbarrikadieren. Ein eisernes Tor hielt den brennenden Balken und dem geschmolzenen Blei stand.
Als der Schutt weggeräumt war und die Männer und der Schleier unverhofft gerettet wurden, ging dies als eines der Wunder von Chartres in die Geschichte ein und löste in der Stadt eine Wiederaufbaueuphorie aus. Alle Bürger der Stadt schlossen sich zu
einer Gemeinschaft auf Zeit zusammen und verpflichteten sich, drei Jahre lang für den Wiederaufbau der Kirche zu arbeiten.
26 Jahre später war der Steinbau der Kathedrale vollendet und 65 Jahre später der Fenster- und Innenausbau. Chartres war somit die in kürzester Zeit fertiggestellte gotische Kathedrale.
Am 24. Oktober 1260 fand die feierliche Einweihung statt. Seither wurde baulich kaum etwas verändert. Auch das macht den Reiz dieser Kirche aus, die noch fast vollständig die Vision der Erbauer ausstrahlt und ihr großartiges und geheimnisvolles Wissen denen offenbart, die sich in ihre Kunst vertiefen.
Im Zuge der französischen Revolution wurde die alte Muttergottesstatue verbrannt und der Reliquienschrein mit dem „Gewand der Jungfrau“ bis auf wenige Reste zerstört. Dennoch wurde auch in dieser für viele Kirchen desaströse Zeit letztlich erstaunlich wenig beschädigt. Selbst 145 der 186 Fensteröffnungen besitzen noch immer die Originalverglasung aus dem 13. Jahrhundert. Derzeit findet eine umfangreiche Sanierung der Kathedrale statt, die sie in den hellen Originalzustand zurückversetzen soll.
Chartres ist ein Tempel der Weisheit. Verborgen in den Maßen, Figuren und Bildern wird die Ordnung des Kosmos und die Geschichte des Menschen erzählt. In ihren Gesten und Blicken, im Aufbau der Fenster und ihren detailreichen Bildern wird nicht nur die Geschichte erzählt, sondern bereits die Deutung und Bedeutung hineingearbeitet. Zwischen den Zeilen offenbart sich eine großartige Schau, die die meisten berührt, die diese Kirche betreten. Im Zentrum steht die Würde des Menschen und sein Platz im Reich Gottes. Alles ist durchdrungen von einem großen Thema: Gott ist Licht. Die Kathedrale von Chartres ist ein Fest des Lichtes, sie feiert das Leben und die überirdische Schönheit der Kunst und des Glaubens.

Gernot Candolini

Das Labyrinth von Chartres

Das Labyrinth von Chartres ist der Prototyp mittelalterlicher Kirchenlabyrinthe. Es gilt als Besinnungs- und Einweihungsweg, aber auch als Fest- Tanzplatz. Seit kurzem wird in der Kirchenverwaltung von Chartres diskutiert, ob der Ostertanz des Bischofs am Labyrinth nach 500 Jahren Pause wieder eingeführt werden soll. Bis ins 15. Jahrhundert war der Tanz zur Ostervesper im feierlichen Dreischritt als ein Ausdruck für die Freude über die Auferstehung weit verbreitet. Das Labyrinth von Chartres gilt als das am häufigsten nachgebaute Labyrinth der Welt und ist heute in allen Erdteilen in Kirchen oder auch in freier Natur zu finden.

Besondere Angebote zur Kathedrale von Chartres finden sie auf
www.labyrinth.at


klick hoch

Kontakt

Medientipps
Leserbriefe
Impressum

aktuelles Heft

Heft
Heft 4/2016
Seit 1997 zeigen
wir neue Wege auf.

Haftungsausschluss

Datenschutzerklärung

Copyright BALANCE ® online, 2001 - 2016

Balance-unten