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Der Mensch hat Pflichten… oder?


Wir leben in einer Welt voller Regeln und Pflichten, die wir von unserem sozialen Umfeld übernommen haben. Aber wer bestimmt, welche Pflichten tatsächlich für uns gelten?
Die individuelle Sicht auf eine materialistische Welt macht manchen glauben, dass es darüber hinaus nichts gibt, das wichtig wäre. Mit der Folge, dass wir glauben, funktionieren zu müssen und ein marodes System am Leben halten, das wenige in der Hand halten und abernten wie der Farmer ein Feld. Wir rauben uns selbst unsere Freiheit, indem wir uns glauben machen, Dinge zu brauchen, die uns nicht satt machen, die uns nicht weiter bringen, sondern nur dazu dienen unsere Energie zu verausgaben, um nicht zu fühlen, wie unser eigenes System uns damit gefangen nimmt.
Der Mensch hat Pflichten – so wurde mir einmal gesagt. Aber wer bestimmt, welche Pflichten ein Mensch hat? Der Staat? Die Familie? Ein einzelnes Familienmitglied? Freunde? Verwandte? Nachbarschaft? Das Dorf, die Stadt? Das nimmt ja kein Ende…!
Erwartungen eines anderen können sich anfühlen wie ein Backstein, wenn man sich genötigt glaubt, diese erfüllen zu müssen. Das kostet Energie, die wir sicher gerne sinnvoller einsetzen möchten, als diesen schweren Backstein hoch zu halten.
Solche aufgezwungenen Werte wirken wie eine Erpressung. Wenn du nicht meinen Vorstellungen von Pflichten folgst, dann verweigere ich dir meine Anerkennung.
Folge ich diesem Denken, dann gebe ich meine Verantwortung nach außen ab. Denn ich folge dann Regeln, die andere aufgestellt haben, ohne mein Zutun. Klar, mag der eine denken. Die Welt ist doch voll davon!
Aber wer erhebt den einen über alle anderen und bestimmt, dass genau diese eine Regel jetzt zu gelten hat?
Und wo ist die gemeinschaftliche Abstimmung darüber, welche Pflichten es überhaupt gibt? Wer macht den anderen zum Richter über richtig und falsch?
Welchen Wert haben Pflichten, die erzwungen werden? Ja sind sie nicht sogar zerstörerisch?
In unserer Welt herrscht ein Geben und Nehmen. Ein ausgeglichenes Individuum wird unbewusst immer darauf hin arbeiten, dass es mindestens so viel Energie bekommt, wie es gibt.
Wir haben Interessen und Motivationen. Eine Konstellation, in der einer wirklich nichts vom anderen haben möchte, ist außerordentlich selten.
Das Bedürfnis, Menschen etwas zu geben, die uns etwas bedeuten, kommt fast von selbst. Hier ist meist kein Pflichtgefühl erforderlich.
Was aber ist, wenn sie deine Hilfe bei etwas brauchen, für das du so gar nicht gestrickt bist? Wenn sie immer wieder verlangen, über deine Grenzen zu gehen?
Verlasse ich meine Komfort-Zone und eile der Person zu Hilfe oder erkenne ich eine Grenze, die ich nicht überschreiten kann oder will aus unterschiedlichsten Gründen? Und was ist, wenn dieser andere die Auffassung hat, es sei deine Pflicht? Und auch wenn du es selbst bist, der diese Ansprüche an dich stellt, du aber feststellst das es etwas gibt, was dich davon abhält?
Wird dann nicht aus dem Liebesdienst, dem du ihm erweisen würdest, ein Dienst unter ganz anderen Vorzeichen? Und gibt diese Grenz-überschreitung dir genug Energie auf der anderen Seite, um diese zu rechtfertigen?
Ein wahrer Liebesdienst kostet den Gebenden energetisch gesehen nichts. Selbst dann nicht, wenn er Stunden um Stunden seines Lebens investiert, um dem anderen finanziell, körperlich oder seelisch beizustehen. Er entsteht aus Liebe, ist freiwillig und daher kostet er keine oder nur wenig Energie.
Aber was ist mit Erwartungen, die dich belasten? Erwartungen dir selbst oder anderen dir gegenüber? Lehnst du diese Leistung ab, dann reagiert der andere beleidigt. Ja vielleicht sogar mit Ablehnung. Denn seine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Sind wir also Erfüllungsgehilfen von Erwartungen, damit unser gemeinschaftliches Leben in Frieden verläuft? Das wirkt ein wenig so, als würden wir den eigenen Wert herabsetzen. Denn es stellt die Erwartungen des anderen uns gegenüber auf einen Sockel.
Und wo macht die Erwartung halt? Sie führt zu Rechtfertigung, damit der andere nicht anklagt. Sie führt zu einem Striptease der Hüllen, damit der andere versteht, warum man seine Erwartungen nicht erfüllen kann. Aber ist das Liebe?
Mit Liebe hat das dann wenig gemeinsam. Es macht den anderen –den Erwartenden zur Erfüllung deiner Pflicht – zum Richter über Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, über das man doch eigentlich selbst der Souverän sein sollte. Denn wenn dieser Richter deine Handlungen nicht für Sinnvoll erachtet, dann hast du also seine Erwartungen aus Selbstsucht nicht erfüllt.
Ist das Liebe? Diese Erwartungen müssten für den anderen doch auch schwer wie Blei im Magen liegen. Denn wenn jemand in seinen Augen sinnlose Dinge ihm vorzieht, wird er definitiv seine Erwartungen enttäuscht sehen.
Meine Erfahrung ist die, das sich ohne vorgefertigte Erwartung alles von selbst reguliert. Ein Gefallen endet unter normalen Umständen an den persönlichen Grenzen. Niemand ist beleidigt, wenn niemand eine Erwartung hegt, sondern jeder dem jeweils anderen seine Souveränität lässt.
In einer Extremsituation sieht die Sache wieder anders aus. Das Bedürfnis jemandem zu helfen, der in Not ist oder allgemein schutzbedürftig, der uns etwas bedeutet, ist dann für gewöhnlich größer und auch die Grenzen verschieben sich dabei. Über eine begrenzte Zeit kann derjenige seine Grenzen sogar überschreiten, ohne sich selbst zu verleugnen, solange er für einen Ausgleich für sich selbst sorgt und sich selbst dabei nicht völlig aufgibt. Selbstaufgabe mündet in Depressionen, Aggressionen, Flucht vor der Realität und ähnlichem.

Aynara Garcia
Autorin und Künstlerin

Buch-Tipp:

Der Tag, der nie war…
Eine wahre Geschichte von Träumen, die Wirklichkeit wurden
ISBN 978-3-943878-16-5
Verlag: Salutano , 213 S. 17,80 €
Weitere Infos unter:
http://aynaragarcia.de


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