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Der urweibliche Blick

Ja zum Leben
Wir haben uns verrannt im selbst gebauten Irrgarten menschlicher Verstrickungen. Schwindelig geredet an der Komplexität des Lebens. Versäumt, im Labyrinth des Lebens den Geheimnissen nachzugehen. Dabei ist das Wesentliche doch stets einfach. Im Ursprung gibt es nur ein klares Ja zum Leben. Der urweibliche Blick steht für diese Rückbindung an den lebensbejahenden Ursprung. Die Welt in ihrer derzeit allerorten sichtbaren entstellten, d.h. lebensverachtenden Form darf sich wandeln. Dies ist eine Kolumne, die hinter die Dinge schaut und der Liebe zum Leben Raum gibt. Ein Plädoyer für eine Welt, in der urweibliche Energien zum Wohle aller wirken.

Drängende Zeiten

Die Herausforderungen, vor denen Deutschland und die Welt stehen, nehmen zu. Eine Krise jagt die andere. Der angelegte Wendepunkt vorerst nicht in Sicht. Stattdessen sind wir mit Entwicklungen konfrontiert, die das Leben, wie wir es bisher gelebt und gekannt haben, auslöschen könnten. Bewährte Strategien der Problemlösung wie Schönung und Verdrängung oder schlichte Gewalt greifen nicht mehr. Kein Wunder. Aus urweiblichem Blickwinkel leben wir in einer Zeit, in der Verdrängtes – im Privaten wie Kollektiven – mit Macht ins Bewusstsein vordringt.
Wer sich der Zeitqualität nicht stellt, der sieht sich dieser Tage einem Gefühl der Überforderung ausgesetzt. Das Rad der Ereignisse dreht sich immer schneller, die Ausschläge werden immer gewaltiger. Ein Klima tiefer Verunsicherung greift um sich. Die einzigen Bremsen: Offenheit und Transparenz – auch im Umgang mit eigenen Schwächen, Vorurteilen, Gefühlen und Bedürfnissen. Ein solches Agieren fordert Integrität und eine Überprüfung der inneren Ausrichtung. Angst als Ratgeber führt zu blindem Aktionismus oder Lähmung und verschärft dadurch die Probleme. Ignoranz, Dummheit, Eigennutz oder schlicht menschliches Versagen wirken als Brandbeschleuniger. Gleichzeitig scheint es, als ob die Probleme in ihrer Vehemenz eine Lösungswilligkeit der Menschen mit Macht erzwingen wollen. Doch wer nimmt sich in unserer schnellen lauten Welt noch die Muße, wahrhaft hinzuhören?

Entwurzelung als Grundproblem

Die reflexartigen Meinungsäußerungen der Experten tragen jedenfalls nicht zur Beruhigung bei. Ihre Theorien stochern meist im Nebel aus Mangel einer ganzheitlichen Betrachtung. Damit ist eine Integrationsfähigkeit gemeint, die es ermöglicht, Gegensätze zusammenzudenken statt in Gegensätzen zu verharren. Genau hier liegt das Grundproblem. Integration ist nicht erst seit dem Flüchtlingsstrom ein inhaltsleeres Wort. Nicht integrieren, sondern Wurzel ziehen, darauf sind wir geeicht. Wir alle wurden unserer Wurzeln beraut und bauen unser Weltbild auf verdrehten und verfälschten Annahmen über die kulturellen und spirituellen Wurzeln der Menschheit auf. Eine Menschenrechtsverletzung mit gravierenden Folgen, die jetzt sichtbar werden. Seit Jahrtausenden wirkt sich die Entfremdung von den eigenen Wurzeln negativ auf das Zusammenleben der Menschen aus mit Krieg, Gewalt, Not und Leid im Gepäck. Unseren Planeten und damit unser Lebensgrundlage haben wir auf diese Weise fast zu Grunde gerichtet. Der Zerstörungswahn treibt täglich neue Blüten.
Heilen im Sinne von Ganzwerden müsste in diesen Zeiten das oberste Ziel sein. Doch in unserer modernen, technologisch konstruierten Welt sind wir gewohnt, alles in seine Einzelteile aufzuspalten. Die Spaltung führt jedoch nicht zum Ursprung, sondern immer weiter davon weg. Mit den Mitteln der Logik lässt sich der Urgrund nicht erfassen, lediglich weitere Verwicklungen fabrizieren. Warum also hören wir nicht auf, an den Symptomen herumzudoktern und machen uns auf diese Suche nach dem Ursprung des Problems? Dieser einen Verdrehung, die alle weiteren Probleme nach sich zog? So etwas gibt es nicht? Dann haben wir bereits kapituliert vor der Komplexität, die wir selbst erschaffen haben. Ohne Integration und Rückbindung führt das beständige Spalten in Einzelteile ins genaue Gegenteil, nämlich ins Chaos. Vor uns liegen dann die unverbundenen Teile. Die Bruchstellen schmerzen und verursachen neue Probleme. Die Wunden heilen nicht, weil die Trennung widernatürlich ist. Das Leben beruht auf dem Prinzip der Verschmelzung und Verbindung.

„Lös-ung“ im Sinne einer heilvollen Transformation

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es kein ‚Weiter so‘ mehr geben kann, denn ein ‚Weiter so‘ erhebt sich über das Leben statt darin aufzugehen. Statt sich im Kleinklein der Probleme zu verlieren, führt nur ein beherzter Schritt zurück zum not-wendigen Abstand, der den Blick auf Lösungswege frei gibt. Dieser Weg zurück zum Ursprung erschließt sich jedoch erst, wenn wir bereit werden für ein grundlegendes Umdenken. Ein Umdenken, das von der Erkenntnis geleitet ist, dass es sich bei den Problemen nicht um Einzelphänomene handelt oder diese schicksalhaft über uns hereingebrochen sind. Sie hängen zusammen und zwar alle an dem Punkt, dass sie von Menschen gemacht wurden. Die lebensverachtenden menschlichen Handlungen haben sich im Lauf der letzten Jahrhunderte verselbständigt. Eine fehlgeleitete männliche Kraft ist zur Bedrohung für uns alle geworden. Einzelne Verhaltensänderungen in einem sich selbst schwächenden System reichen nicht mehr aus. Gefragt ist innere Freiheit, Wille und Mut, alte Glaubenssätze los und neue Lebendigkeit zuzulassen. Das ist der Beginn einer Lös-ung im Sinne einer heilvollen Transformation.
Der Grundsatz dahinter ist so alt wie die Menschheit, beschreibt er doch das Prinzip des Lebens an sich. Leben ist werden, vergehen und neu beginnen. Wandel treibt den Fluss des Lebens an. In dieser mystischen Dreieinigkeit liegt die Lebenskraft, aus der heraus sich Leben positiv entwickeln kann. Doch die Geheimnisse des Lebens sind in Vergessenheit geraten, vielen Menschen ihres eigenes Wesen fremd geworden. Geblieben ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Glück und Frieden. Ohne die Rückbindung an den Ursprung zementieren wir jedoch jeden Tag den Schmerz und das Leid. Dies zeigt sich besonders deutlich an unserem Umgang mit Geburt. Die Erfahrungen, die Frauen derzeit mit Geburt machen, sagen nichts über die Natur von Geburt aus, aber alles über die Geisteshaltung einer Zeit. Geburt ist heute ein Hochrisikogeschäft, das die Feindseligkeit vor dem Leben ausdrückt. Das Wunder des Lebens bleibt auf der Strecke. Dabei hat Geburt eine viel tiefere Dimension. Als Prozess, der neues Leben auf die Welt bringt, ist Geburt unabänderlich mit den Prinzipien des Lebens verbunden. Geburt und Tod sind die beiden großen Transformationsprozesse im Leben eines Menschen, sie sind die Eckpfeiler innerhalb derer sich Leben entwickelt. Geburt bewusst zu durchleben, öffnet den Horizont für die spirituelle Dimension des Lebens. Eine transpersonale Erfahrung des Lebens, also eine, die über das eigene Empfinden Gültigkeit hat, begünstigt eine tiefe Dankbarkeit und Verehrung dem Leben gegenüber. Dies ist eine Lebens-Erfahrung wie sie nur Frauen unmittelbar erleben können.

Erinnern und schöpfen aus einer weiblich geprägte Urvergangenheit der Menschen

Die Gabe zu gebären ist eine Auszeichnung des Weiblichen. Tausende von Jahren wurden Frauen daher als lebensspendende Göttinnen verehrt. Geburten waren heilig, da sie dem Leben dienten. Ohne ein klares Ja zum neuen Leben und damit die größtmögliche körperliche wie mentale und seelische Öffnung ist eine Geburt auf natürlichem Wege nicht möglich. Im natürlichen Zustand der Ekstase vollzieht sich Geburt jenseits von Angst und negativen Gefühlen, da es an diesem Punkt aus urweiblicher Sicht kein gewaltvoller Trennungsvorgang, sondern ein dreifacher Verbindungsprozess ist: Die Verbindung von Körper-Geist-Seele, die Verbindung von Mutter und Kind und die Anbindung an die alles durchdringende universelle weibliche Schöpfungskraft. Die ursprüngliche Gebärerfahrung offenbart damals wie heute die spirituellen Grundprinzipien des Lebens: Liebe, Vertrauen, Verbundenheit, Demut und Alleins-Sein. Alles Parameter einer Geburt in Freude.
Eins mit der Schöpfungskraft waren und sind Frauen noch immer befähigt, die Kräfte der Geburt überfließen zu lassen in das Leben. Gestärkt durch die Gnade der Geburtserfahrung treffen sie verbundene, d.h. für Generationen hin wertvolle Entscheidungen. Aus dem magischen Wissen der umfassenden Verbundenheit begründet sich die natürliche Macht von Frauen. Eine Macht, die fern von Missbrauch war, da sie dem Schutz von Leben und der Verbundenheit aller diente. Alles Leben entsprang dem Urschoß der Großen Mutter und wurde von Mutter zu Mutter immer wieder neu in die Welt befördert. So entstand ein starkes Band der Frauen untereinander, das sich in Vergangenheit und Zukunft erstreckte und geknüpft wurde durch die unzähligen einzigartigen Geburtserfahrungen. Es wird Zeit sich zu erinnern: Die Urvergangenheit der Menschen war weiblich geprägt. Und da das Urweibliche das Leben ins sich trägt, war dies eine Zeit des Friedens, der Gemeinschaft und Fülle im Geistigen wie Materiellen. Eine Epoche, die über 70.000 Jahre lang anhielt und weltweit kulturell vergleichbar gefüllt wurde, lässt sich nicht einfach ignorieren.
Das Zusammenleben der Menschen in seiner vorherrschenden männlichen Prägung, wie wir es kennen, dauert erst ca. 5.000 Jahre an. Die Dominanz des Männlichen entwickelte sich durch die Abspaltung vom Weiblichen und führt später zur Unterwerfung der Frauen. Eine tiefe Trennlinie zwischen Menschen, Geschlechtern, Völkern, Religionen und unsere Welt der Polaritäten wie wir sie heute kennen, nahm hier ihren Anfang. Zum Machterhalt wurden die uralten weiblichen spirituellen Erfahrungswelten, die das Leben in seiner Ganzheit bejahen und integrieren, im Lauf der Geschichte immer wieder überschrieben. Das Leben steht seither Kopf und die lebensverachtenden Praktiken sind eine direkt Folge der Umkehrung der natürlichen Ordnung und Orientierungslosigkeit. Die Angst vor der Rückkehr des Weiblichen sitzt auch heute noch tief. Anders ist nicht zu erklären, warum Frauen immer noch weltweit unterdrückt werden und alle Weltreligionen Frauen eine führende Stellung verwehren. Wie anders sähe die Welt aus, wenn die Dogmen nicht von Männern in ihrer Unverbundenheit erdacht und mit Gewalt verfolgte worden wären, sondern sich die Liebe zum Leben, die von Frauen mit jeder Faser ihres Körpers durch die Geburtserfahrung gefühlt werden kann, mit Dankbarkeit in die Welt hinausgetragen worden wäre?

Balance von weiblichen und männlichen Energien als Chance auf lebenswerte Zukunft

Fest steht, dass wir in Deutschland einmal mehr am Scheideweg stehen. Nur noch 7 Prozent der Geburten verlaufen natürlich, d.h. ohne medizinische Intervention mit ihren negativen Folgen für Mutter und Kind. Natürliche Geburten und der Hebammenberuf, der unmittelbar mit der Urkraft der Frau verbunden ist, sind in Gefahr auszusterben. Bei dem Thema geht es um mehr als persönliche Lebenswelten.
Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Welchen Stellenwert wir dem Natürliche, dem Urweibliche in unserer Gesellschaft einräumen, um eine Chance auf eine lebenswerte Zukunft zu behalten. Dabei geht es nicht um eine Vorherrschaft des Weiblichen, sondern um den heilvollen Ausgleich der Kräfte. Um eine Balance der männlichen wie der weiblichen Lebensenergien, die gemeinsam in jedem Menschen wirken und damit geschlechtsunabhängig sind, so dass wir wieder zu einem klaren Ja zum Leben und den seit Urzeiten geltenden heiligen Prinzipien des Lebens finden können. Kraftvolle Geburten in Liebe statt in Angst und Ohnmacht und die Erfahrung, dass es anders geht als man(n) uns glauben ließ, sind der Schlüssel für den Übergang in eine Welt der Verbundenheit und Lebensfreude und somit zutiefst schützenswert. Bevor wir die männlichen und weiblichen Energien in uns und in der Welt nicht befriedet haben, scheint ein friedliches Miteinander und die Lösung der drängenden Probleme in weiter Ferne. Die Wiederbelebung weiblicher Kräfte jenseits von Frauenquote und Co, sondern als Lebensqualität und Bekenntnis zum Leben, das ist es, was derzeit mit Vehemenz ins Bewusstsein drängt.

Kristina Marita Rumpel

Die Autorin

Kristina Marita Rumpel ist Soziologin, freie Autorin, Trainerin (IHK) und Mitglied im Verband wortstarker Frauen. 2015 erschien von ihr im Mankau Verlag ein Buch und CD zur Vertiefung zum Thema bewusste Schwangerschaft und Geburt. „FlowBirthing – Geboren auf einer Welle der Freude“ steht für den Aufbruch in eine neue Geburtskultur mit der Kraft von Frau im Zentrum.
Das gleichnamige mit dem Health Media Award 2015 ausgezeichnete Internetportal www.flowbirthing.de ermutigt Frauen, sich selbst-bewusst auf eine natürliche Geburt einzulassen und vernetzt stärkende Angebote für Schwangere. Die Anmeldung für AnbieterInnen zum Portal ist kostenlos und online möglich.

Weitere Informationen unter

www.kristinarumpel.de


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