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Jungen

Das schwache Geschlecht im heutigen Schulsystem

Seit der Einführung des Gymnasiums G 8 in fast allen Bundesländern ist ein erstaunliches Phänomen festzustellen: Bei den Abiturschnitten sind die Mädchen meist besser als die Jungen – Ausnahmen bestätigen natürlich immer die Regel.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat 2014 eine Initiative gestartet, um den Studienabbruch gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich und bei den sogenannten MINT-Fächern zu vermindern – Studiengänge, die mehrheitlich immer noch von jungen Männern gewählt werden. Bis zum 7. Semester wechseln 40 % aller männlichen Studenten ihr Fach, 30 % der jungen Männer brechen ihr Studium ganz ab, weil sie einsehen müssen, dass sie die falsche Wahl getroffen haben oder mit dem Studium grundsätzlich überfordert sind. 1
Zum Thema Studienabbrecher gibt es auch eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Die höchsten Abbruchquoten weisen die Uni-Studiengänge Bauingenieurwesen (51 %), Mathematik (47 %) und Informatik (43 %) auf – Studiengänge, die vor allem bei männlichen Studenten beliebt sind.2 Dies ist für die betroffenen Studenten fatal und volkswirtschaftlich gesehen sehr teuer. Keiner fragt jedoch nach: Worin liegen dafür die tieferen und eigentlichen Ursachen?

Jungen tun sich in der Schule schwerer

Einen ersten Hinweis auf die Beantwortung dieser Frage kann man aus der Diskussion bezüglich des Bayerischen Gymnasium erhalten. Bayern hat mit Beginn des Schuljahres 2015/2016 den Modellversuch „Mittelstufe Plus“ gestartet. Statt in drei kann diese in vier Jahren absolviert werden. Dazu titelt die Süddeutsche Zeitung: „Es geht auch um Reife. Das Zusatzjahr im Gymnasium hilft vor allem den Buben.“ 3
Der Schulleiter Günter Jehl des Gymnasiums Oberviechtach bringt es auf den Punkt: „Viele Schüler sind nach der 10. Klasse definitiv nicht weit genug für die Q11 ... Mädchen sind zwischen 14 und 17 immer voraus, aber das eine Jahr ist bei den Buben sehr deutlich spürbar.“4 Herr Jehl meint damit das fehlende Schuljahr des
G-8-Gymnasiums, das vor allem den Jungen Nachteile gebracht hat. Daher erhofft er sich gerade für die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen viel vom Zusatzjahr der „Mittelstufe Plus“. Er führt jedoch nicht näher aus, warum dies so ist.
Natürlich könnte man nun entwicklungspsychologische Theorien bemühen, warum man Jungen als das „schwache Geschlecht am Gymnasium“ bezeichnen muss. Solche Erwägungen können vielleicht einige Antworten geben, wirklich befriedigend sind sie jedoch nicht. Warum also haben besonders Jungen oft mehr Schwierigkeiten, ihren eigenen (auch schulischen) Weg zu gehen, ein Studium zu wählen und ihren Platz im Leben zu finden?

Jungen brauchen männliche Erzieher und Lehrer

Seit ich mich intensiv mit der Frage nach der Initiation, also mit dem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und des Erwachsenwerdens beschäftige, habe ich die Situation von Jungen viel besser verstanden. Man könnte es auf folgende Formel bringen: Jungen vermissen männliche Initiations-Mentoren, die ihnen in ihrer Pubertät beistehen und sie bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung hin zum Erwachsenwerden adäquat und einfühlsam begleiten und ihnen Orientierung geben. Dies soll in folgenden Thesen plakativ zum Ausdruck gebracht werden:

1. These: Heute wird der Kita-Ausbau sehr forciert. Viele Eltern wollen ihre Kinder aus beruflichen Gründen schon im ersten Lebensjahr in die Kindertagesstätte bringen. Die Kinder erleben dort fast ausschließlich Frauen.

2. These: Im Kindergarten haben es die Jungen und Mädchen in der Regel ebenfalls nur mit Frauen zu tun. Auch in der Grundschule gibt es fast nur noch weibliche Lehrerkräfte. Die Kinder treten dann über in die Mittelschule, meist aber in weiterführende Schulen wie Realschule oder Gymnasium. Dort sind heute 70 bis 80 Prozent der Lehrkräfte wiederum Frauen.

3. These: Gerade in der Pubertät brauchen die Jungen unbedingt männliche Lehrkräfte, um sich an den erwachsenen Männern orientieren, reiben und messen zu können. Für ihre Entwicklung benötigen Jungen neben dem eigenen Vater, der zudem während des Tages häufig weg von zu Hause ist, weitere männliche Vorbilder bei ihrem Pubertätsprozess.

4. These: Fehlen aber „Lehrer-Männer“, dann ist die Persönlichkeitsentwicklung der Jungen womöglich blockiert oder sie verläuft einseitig in einem zu weiblichen Werte- und Kommunikationssystem ab. Weibliche Lehrkräfte können diesen Mangel nicht wirklich ausgleichen. Jungen brauchen Männer! Jungen müssen täglich einige Stunden lang „be-vatert“ werden.
5. These: Jungen haben oft eine wildere Energie, die weiblichen Lehrkräften womöglich unangenehm, unangemessen, suspekt oder gar als gefährlich und schlecht erscheint. Jungen aber müssen gerade vor dem Hintergrund des Initiations-Gedankens ihre neue, pubertär erwachte und freigesetzte Initiations-Energie anders und „knalliger“ ausdrücken als Mädchen. Dies ist jedoch nicht schlecht, sondern eher natürlich für Jungen. Jungen sind eben anders als Mädchen!

6. These: Daher benötigen gerade Jungen unbedingt geeignete und rechtzeitig durchgeführte Initiationsrituale, durch die sie ihre Kraft, ihren Mut, ja sogar ihr Draufgängertum zeigen und zur Besinnung kommen können. Und sie sehnen sich nach Anerkennung dafür vor allem von Männern. Hierin liegt eine wichtige pädagogische und gesellschaftliche Aufgabe, die bisher überhaupt nicht gesehen wird.

7. These: Fallen solche Übergangsrituale aus, haben viele Jungen ein Problem. Sie sind in ihrer Entwicklung blockiert, zumindest aber gehemmt, weil niemand da ist, der sie in ihrem innersten Wesen annimmt, sie in ihrem Initiations-Bedürfnis versteht, sie da abholt, wo sie gerade sind und sie liebevoll, mit dem nötigen Ernst, aber auch mit Humor durch ihre Pubertät und hinein ins Erwachsensein führt. Hier sehe ich einen Hauptgrund, warum Jungen zum schwachen Geschlecht im heutigen Schulsystem geworden sind.

8. These: „Lehrer-Männer“ könnten und sollten solche Mentoren sein, die den Jungen initiatorische Mutproben ermöglichen, ihnen aber auch Grenzen setzen, wenn diese nötig sind. Männliche Lehrer sind schon von ihrem Beruf her eigentlich dafür prädestiniert. Sie sollten jedoch dazu selbst ausgebildet sein, um das Initiations-Potential der Jugendlichen besser erkennen und wertschätzen zu können.

Das Übergangsritual des „WalkAway“

Traditionelle Völker wie die Indianer Nordamerikas oder die Aborigines in Australien wussten um die enorme Bedeutung von adäquaten und rechtzeitig durchgeführten Übergangsritualen – sogenannten „rites of passage“. Daher wurden vor allem die Jungen von ausgewählten und erfahrenen Initiations-Mentoren an der Schwelle zum Erwachsenwerden für einige Tage allein in die Wildnis geschickt.
Diese Mutprobe enthielt im Ansatz alle wesentlichen Elemente, die für das Erwachsensein im Stamm existentiell waren – zum Beispiel die Herausforderung und Fähigkeit, für einige Tage ganz allein sein zu können und den Elementen der Natur ausgesetzt zu sein. Wenn die Jungen dann wieder zurückkehrten und die Mutprobe bestanden hatten, wurden sie von den Ältesten feierlich vor der ganzen Stammesgemeinschaft als Erwachsene begrüßt.
Die nordamerikanische „School of lost Borders“ hat in Anlehnung an die Indianer-Initiation ein für unsere westliche Gesellschaft kompatibles Übergangsritual entwickelt: die Jugend-Visionssuche. Eine Kurzform für 16- bis 17-jährige Jugendliche stellt das viertägige Ritual des „WalkAway“ dar. Übersetzen würde ich diesen Begriff mit „Gehe deinen Weg zur Dir selbst – in das Innere deiner Persönlichkeit“.
Nach einer zweitägigen Vorbereitung wird jeder Jugendliche für 24 Stunden allein in den Wald geschickt – ohne Essen, ohne Zelt und ohne Smartphone. Er gilt während dieser „Solozeit“ als komplett unsichtbar und ist ohne jeden Kontakt zu Menschen. Am
vierten Tag kehren die Jugendlichen dann frühmorgens im Beisein der Eltern wieder aus dem Wald zurück und erzählen anschließend vor allen von ihrer Zeit „allein da draußen im Wald“.
Ich habe mit diesem Ritual bisher nur gute Erfahrungen gemacht – als Schulprojekt und als Ferienkurs. Die SchülerInnen haben dabei einen großen Schritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gemacht – hin zu mehr Selbständigkeit, Selbstverantwortung und zum Erwachsensein. Die Mehrheit der Teilnehmer waren stets Jungen.

Peter Maier
(Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor und Autor)

Quellen:
1 siehe alljährlicher MINT-Frühjahrs- und Herbstreport des BDI
2 vgl. SZ Nr. 45 vom 24.2.2015, S. R 2
3 SZ Nr. 93 vom 23.4.2015, S. R 15
4 ebd.

 

Weiterführende Literatur:

Peter Maier
Schule – Quo Vadis?
Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens
ISBN: 978-3-95645-659-6

Peter Maier
Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale
ISBN: 978-3-86991-406-6

Peter Maier
Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft.Band II: Heldenreisen
MV-Verlag Münster, € 16,80

Nähere Infos und Buch-Bezug:
www.initiation-erwachsenwerden.de


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