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Das betrogene Ich

Erwacht der Riese?

Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Das Alte trägt nicht mehr. Neues, bzw. was tragen könnte, ist noch nicht vorhanden. Vielfach scheint das Absurde Normalität geworden zu sein. Angesichts dessen haben inzwischen viele Menschen resigniert, bzw. sie sind mit „Schlafmitteln“ ruhig gestellt worden, Schlafmittel weniger in Form von Tabletten, sondern anders, doch genau so wirksam. Wer begreift, was da geschieht, hat die Möglichkeit, aufzuwachen und das Heft des Handelns wieder selbst in die Hand zu nehmen, einmal um für sein eigenes Leben den Wandel aktiv zu gestalten und zum zweiten dazu beizutragen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Ob man den Esoterikern glauben will, dass im Dezember 2012 eine neue Zeit angebrochen ist oder nicht, eines stellt mit Sicherheit jeder fest: Wir leben in turbulenten Zeiten, in Zeiten des Umbruchs und das schon länger. Da wird so manches quasi umgepflügt und dabei kommt etliches, was lange unentdeckt blieb, nach oben ans Tageslicht. Ist dieses Geschehen nun eine Bedrohung – oder doch auch eine Chance?

Der tägliche Wahnsinn

Die derzeitigen Turbulenzen stellen offenbar alles Bisherige in den Schatten. So wurden und werden immer noch beim Bau des Berliner Flughafens Milliardenbeträge durch ein unsäglichen Missmanagement versenkt. Wie lange eigentlich schon? Und die verantwortlichen Politiker spielen das Spiel wie die Kinder im Sandkasten: „War ich nicht.“ Da sieht die Politik über Jahre in Ruhe zu, wie Straßenbrücken marode werden, bis man sie sperren muss und durch die so erforderlichen Umleitungen den Verschleiß anderer Brücken vorantreibt, mit absehbarem Chaos wie in Köln. Vor allem die Erschütterungen durch die LKW haben die Brücken marode gemacht. Wir haben eine Wirtschaft aufgebaut, die weite Transportwege lukrativ macht. Die Autobahnbrücke im Norden Kölns wurde wegen ihrer Schäden für Lastwagen gesperrt. Doch lange noch fuhren sie weiter, trotz der damit verbundenen Gefährdung und trotz laufender Reparaturarbeiten, die so ständig gestört wurden. Es will wie eine Metapher erscheinen, was wir da vor Augen geführt bekommen. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen! Von dem Chaos in der Ukraine und in Syrien will ich erst gar nicht reden.
Die Euro-Regierungen pumpen weiterhin Geld ins marode Griechenland, wohlgemerkt unsere Steuergelder, wo es aber in Griechenland bei den einfachen Leuten und bei den mittelständischen Unternehmen, die es wirklich bräuchten, nicht ankommt. Es fließt gleich weiter an die Gläubiger-Banken. In Griechenland verarmen die Menschen. Mittelständische Unternehmen, eigentlich das Rückgrat jeder Volkswirtschaft, brechen zusammen. Zwischendurch herrscht dann wieder Funkstille, aber es gibt kein Ende. Und nun auch Italien? Oder gar Frankreich? Das kann der ESM nicht mehr stemmen, überhaupt niemand. Das war auch schon früher bekannt. Wie bei der Vernachlässigung unserer Infrastruktur schiebt man die Probleme nur weiter vor sich her. Sollen doch andere später die Suppe auslöffeln! Eben dann, wenn man selber nicht mehr verantwortlich zeichnet. Die Neuen können über das Unvermögen der Vorgänger schimpfen – und zahlen tut es wieder der Steuerzahler – das sind wir alle.
Wir bekommen Sparlampen verordnet, die wir auch noch selber kaufen müssen und die nun unkontrolliert Gifte ausgasen, ganz abgesehen vom krankmachenden Licht, dem wir uns dadurch aussetzen. Man drängt uns, die Häuser zu dämmen. Dabei hat das IW (Institut der Wirtschaft in Köln) errechnet, dass die Wärmedämmung der Außenwände sich erst nach dreißig bis fünfzig Jahren rechnet. Und was ist mit dem am meisten verwendeten Polystyrol? Wie viel Energie braucht zusätzlich die Herstellung?

Man muss genau hinhören und mitdenken

Wie pervers die Dinge sein können, zeigte eine Fernsehsendung aus dem Jahr 2012. Das ist zwar schon länger her, zeigt aber geradezu beispielhaft, wohin wir geraten sind. Da konnte man am 13. November in „Frontal 21“ folgendes sehen: Es gab zum Anfang der Sendung einen Bericht über den Verstoß gegen Menschenrechte in Russland, Unterdrückung und Verfolgung von Kreml-Kritikern am Beispiel der jungen Mascha Baronova. Nachdem sie am 6. Mai 2012 gegen Putins Amtseinführung protestiert hatte, stand sie auf der Straße, ihr Job wurde ihr gekündigt. Es folgten weitere Beiträge. Zum Ende dann ein Bericht aus Deutschland über Studentenkredite. Banken, so warben diese einst, wollten Studierenden, die von zu Hause nicht die erforderlichen Geldmittel fürs Studium hatten, durch spezielle Kredite helfen, die an ihre Situation angepasst waren. Dann jedoch das schockierende Erwachen. Banken hielten sich nicht an ihre
eigenen Verträge, verlangten höhere Zinsen, höhere Tilgungsraten, usw.
Eine Bank schämte sich noch nicht einmal, bei diesem eigenen illegalen Vorgehen auch noch einen Schufa-Eintrag für eine ehemalige Studentin zu erwirken. Wegen dieses Eintrags wurde ihr privater Mietvertrag gekündigt und der Mietvertrag für das kleine Unternehmen, das sie sich über zwei Jahre aufgebaut und das nun zwei Angestellte hatte, nicht verlängert. Sie musste die Angestellten entlassen, und sie selber stand auf der Straße.
Wer hat es bemerkt? Zweimal stehen junge Menschen auf der Straße, einmal in Russland, dann in Deutschland. In Russland nennen wir es politische Unterdrückung. Und in Deutschland? Legal? Zur Klarstellung: Es kann hier nicht darum gehen, was in Russland geschieht, schön reden zu wollen. Aber es darf doch wohl gefragt werden: Wenn hier offenbar hingenommen werden muss, was wir in Russland als Menschenrechtsverletzung ankreiden, wohin sind wir dann hier gekommen?
Man könnte die Liste der Absurditäten beliebig weiter verlängern. Man kann wohl sagen: Irgendwie steht die Welt Kopf. Und schon sind wir bei den nächsten Fragen: Wohin treiben wir? Was geschieht dagegen? Was kann der einzelne tun? Kann er das überhaupt? Man schimpft vielleicht mal unter Freunden oder am viel zitierten Stammtisch. Vielleicht schreibt sogar jemand an einen Politiker. Oh, man kann auch wunderbar bei bestimmten Sendungen Dampf ablassen, wo drei, vier Fragen oder Meinungen von Hörern oder Zuschauern vorsortiert zugelassen werden. Und es mag der Eindruck entstehen, da geht doch etwas. Aber wen interessieren all die Meinungen, wenn die Sendung zu Ende ist? Ändert sich etwas? Oder sollten wir vielleicht besser auf die Straße gehen und protestieren wie einst die 68er? Nur Pegida und einige Türken marschieren. Und bei Pegida sind auch sogenannte „einfache Leute“ dabei, aber auch viele mit Hass und Gewalt. Ist es das, was wir brauchen?

Die Lethargie im alten Rom

Aus dem alten Rom kennen wir den Begriff „Brot und Spiele“. Damit war schon damals gemeint, dass man dem Volk gibt, was es zum Leben braucht (Brot) und dass man es ansonsten mit Vergnügungen (Spiele) vom Politgeschehen fernhält. Heute – so Wikipedia – bezeichnet der Ausdruck „die Strategie politischer (oder industrieller) Machthaber, das Volk mit Wahlgeschenken und eindrucksvoll inszenierten Großereignissen von wirtschaftlichen oder politischen Problemen abzulenken“.
Da kommt die Frage auf: Die meisten dieser – gnädig ausgedrückt – Ungereimtheiten kennen wir. Haben wir uns auch schon daran gewöhnt? Wie kommt das? Könnte es sein, dass wir meinen, den Dingen doch nur hilflos ausgesetzt zu sein? Wir schauen zu, schimpfen, ärgern uns, doch niemand oder fast niemand unternimmt etwas dagegen. Eines übersieht man dabei: Mit solchen Theorien, mit dieser Denkweise zementieren wir, uns als Opfer zu sehen. Und genau das ist der Punkt, der solch absurde Geschehnisse erst möglich macht, der uns erdulden lässt, anstatt zu handeln.

Erlernte Hilflosigkeit

Martin E. P. Seligman beschreibt in seinem Buch „Erlernte Hilflosigkeit“ einen Versuch mit Hunden. (Angeführt sei, dass er ebenso die ethischen Überlegungen darstellt, ob und warum er diesen Versuch durchführt.) Man sperrte Hunde in einen Zwinger und setzte sie Stromschlägen aus. Fliehen konnten sie nicht. Als man sie dann in einen anderen Zwinger brachte, dessen eine Wand so niedrig war, dass die Tiere leicht hätten fliehen können, hielten doch fast alle dort die Stromschläge aus und flohen nicht. Man brachte eine Kontrollgruppe von Hunden in den Zwinger mit der niedrigen Wand und machte das gleiche. Fast alle flohen. Was zeigt das? Wenn man schlimme Dinge erlebt und keine Möglichkeit sieht, dem zu entkommen, dann nimmt man danach selbst dort seine Chance nicht mehr wahr, wo man etwas verändern könnte. Erlernte Hilflosigkeit!
Nun, Stromstöße bekommen wir nicht. Aber vielleicht doch etwas Ähnliches? Ein Gedankenspiel, ganz unspektakulär: Wir wollen informiert sein. Dazu gehört, sich abends die Nachrichtensendung im Fernsehen anzusehen. Ist eigentlich klar, dass wir da immer wieder mit schrecklichen Bildern konfrontiert werden und im Grunde nicht weg können? Man mag einwenden, wir könnten ja das Gerät ausschalten. Dann aber wären wir ja nicht mehr informiert. Andererseits, wenn wir die Sendung weiter sehen, können wir nicht umhin, uns mit Schreckensbildern „überraschen“ zu lassen. Zugleich wissen wir, dass wir nichts an Greueltaten des Krieges und dergleichen ändern können. Wie ähnlich ist nun diese Situation der der Hunde in den Versuchen von Seligman? Wie gesagt, das ist nur ein ganz harmloses Beispiel. Fazit ist schon hier: Wir stumpfen ab. Nicht nur gegenüber dem Leid anderer, auch gegenüber dem, was uns nicht gut tut bzw. uns gar schadet.
Selbst kritische Sendungen können zur erlernten Hilflosigkeit beitragen. Gut an ihnen ist zweifelsfrei, wenn sie Missstände aufdecken. Doch selbst Zeitungs- und Radiokommentare neigen mitunter zur Hervorhebung allein des Negativen. Wie? Nehmen wir beispielsweise die alltägliche Situation, dass man sich entscheiden muss. Wofür auch immer Sie sich entscheiden, es hat meist nicht nur Positives, sondern auch etwas, das Sie dabei notgedrungen akzeptieren müssen. Zurück zu den gesendeten Missständen. Oft setzen genau hier viele Kommentare an und beleuchten nur das, was an einer Entscheidung, einer Maßnahme usw. von Nachteil ist. So entsteht leicht der Eindruck, dass offenbar völlig unsinnige Entscheidungen getroffen werden. Das Ärgerliche wird unnötig aufgebläht oder gar zur Katastrophe hochstilisiert.

Schuldgefühle und Angst sind offene Türen für Manipulation

Ein weiterer Aspekt: Bei vielem, was wir von den Medien vorgesetzt bekommen, schleicht sich quasi durch die Hintertür ein weiterer Eindruck ein. Es ist etwas Unausgesprochenes. Beispielsweise die gemeldeten Horrorvision der Erderwärmung. Selbst wenn man sich hier nicht als Opfer des Geschehens erlebt, so bekommt man doch ein schlechtes Gewissen. Könnte, sollte man nicht...? Im Grunde könnte wohl jeder und überall noch etwas mehr tun. Wäre er nicht sogar dazu moralisch verpflichtet? An der Stelle sollten bei uns alle roten Lampen angehen. Man manipuliert nämlich Menschen am leichtesten über Schuldgefühle und über Angst. Jeder sollte aufmerken, sobald er sich schuldig fühlt oder Angst erlebt: Das ist das Einfallstor für Manipulation! Das soll nicht heißen, dass jemand absichtsvoll am Geschehen „dreht“, es heißt aber ganz klar „Achtung! Aufgemerkt!“. Um richtig verstanden zu werden: Ich befürworte nicht die Ausbeutung unseres Planeten; ich befürworte nicht, dass man den Naturvölkern ihre Heimat wegnimmt, nicht die Vergiftung unserer Erde, von der wir und unsere Kinder leben und unsere Enkel und es auch noch weiterhin sollen. Um all das und ähnliches geht es nicht. Es geht um Angst und Schulgefühle. Besser als Angst und Schuldgefühle wäre beispielsweise, die Liebe zu „Mutter Erde“, zur „Göttin Gaia“ zu entwickeln, zu anderen Menschen und ihrem Lebensraum, den Respekt und die Dankbarkeit zu entwickeln dafür, dass wir diesen wunderbaren Planeten bewohnen dürfen, dass uns so viel geschenkt wurde, usw. Schauen wir uns die Bilder unberührter Natur an! Sie sprechen für sich. Sind wir noch in der Lage, dies dankbar als ein Geschenk an uns anzuerkennen?
Mehr noch. Wo nämlich das politische Geschehen und das viel beschworene kippende Klima zum Angst-Machen nicht auszureichen scheinen, treibt man zusätzlich immer wieder einmal sozusagen eine neue Sau durchs Dorf. Die Vogelgrippe. Die Schweinepest. Die Grippe als Pandemie, die der Pharmaindustrie mit ihren Grippeschutz-Impfmitteln satte Gewinne einspielte, obwohl diese Mittel nie gebraucht wurden. Wohl manch ein Handwerksmeister würde sich gelegentlich mal solche Geschäfte wünschen! Im Grunde ist es ein Spiel; es ist ganz simpel und doch zugleich hoch wirksam: Erst Angst verbreiten. Doch dann kommen „die da oben“ als Retter und zeigen, was sie alles für uns tun, damit wir keine Angst mehr zu haben brauchen. Wenn man hingegen dieses Spiel durchschaut, kann man sich aus diesem Mechanismus ausklinken. Verschwörung? Würde man davon ausgehen, dass ein Einzelner oder eine kleine Gruppe es sich ausgedacht hätte, wäre es sogar ein tolldreistes Ganovenstück. Aber ganz gleich, woher das Geschehen kommt, als Resultat können wir jedenfalls feststellen: In dieser Form geben sich die Medien, die Politiker, die Banken und viele Großindustriellen einander die Hand. Geschröpft wird der einfache Bürger – und auch der Mittelstand, der – noch einmal – das Rückgrat jeder Volkswirtschaft ist.

Lösungsansatz im systemischen Denken

Gibt es eine Lösung? Hierzu der Denkansatz, der aus dem Systemischen kommt. Er dürfte hilfreicher sein als ein Gedanke an Verschwörung. So fragt man beispielsweise in der systemischen Psychologie nicht nach den Ursachen einer Erkrankung; die scheinen sogar uninteressant zu sein. Interessant ist, dass es da ein System gibt, das eine psychische Erkrankung aufrecht erhält, beispielsweise den Waschzwang eines Familienmitglieds. In der Regel leidet die ganze Familie darunter, also nicht allein der Betroffene. Doch niemand unternimmt etwas und jedes Familienmitglied hat dafür seine eigenen Gründe.
An dieser Stelle sagt die systemische Psychologie: Irgendwie sind die Dinge einmal so geworden und irgendwie haben sie sich so verfestigt. Wie das gekommen ist, wissen wir nicht und wir müssen es auch nicht wissen. Entscheidend ist: Wenn man daran etwas verändern will, muss man die Stabilität dieses Systems erschüttern. Das Mobile ist eine gute Metapher. Wenn man da nämlich einen Teil wegnimmt, einen Teil hinzu fügt oder einen Teil leichter oder schwerer macht, also die Gewichte verschiebt, geht die Stabilität dieses Systems verloren. Das vor Augen weiß man, wie Veränderung geschehen kann.
Es ist also, um zu unserer Ausgangsbetrachtung im Politischen und Gesellschaftlichen zurück zu kommen, nicht die Frage entscheidend, wer Schuld hat. Solch eine Frage ist ohnehin nur rückwärts gewandt. Sondern es geht darum, nach vorne zu schauen und etwas zu unternehmen, das die Stabilität dieser erstarrten Wirkmechanismen ins Wanken bringt, um ein besseres Neues zu ermöglichen.
Sind die Flüchtlingsströme Zufall? Oder ist dieser sogenannte Zufall das Wirken Gottes, da er inkognito handelt? Könnten sie gar ein dramatischer Hinweis sein? Jedenfalls jetzt, da sie zu Hunderttausenden in unser Land kommen, scheint es so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu geben, werden die Menschen in Deutschland wachgerüttelt, gibt es so etwas wie den Anfang dessen, das das über Jahrzehnte Festzementierte aufbrechen könnte. Und das gilt für beide Standpunkte, sowohl für das spontane Willkommen als auch für die Ausgrenzung und den Widerstand gegen diese Menschen. Es kommt etwas in Bewegung. „Brot und Spiele“ hat Konkurrenz bekommen; es funktioniert nicht mehr. Nur wie lange? Und dann wieder alles zurück auf „Start“? Wie zuvor? Wir haben es in der Hand. Wo es schon Bewegung gibt, ist es leichter, dieser eine Richtung zu geben, wie bei einer Karre. Die größte Kraft braucht man, um sie erst einmal in Bewegung zu setzen. Danach, wenn sie erst einmal rollt, ist es leichter.

Den Anfang machen

Dabei kann jeder Einzelne viel mehr erreichen, als er denkt; und dafür brauchen wir nicht einmal an den Schmetterling zu glauben, dessen Flügelschlag auf einem anderen Kontinent einen Sturm auslösen kann. Es reicht zunächst einmal aus, die Zusammenhänge zu durchschauen und sie sich bewusst zu machen. Die Physik hat nämlich gezeigt (Unschärferelation, Quantenmechanik), dass der Geist Einfluss auf die Materie nimmt. Kritiker können also nicht mehr darauf verweisen, dass es nur esoterisches Wunschdenken ist. Aus psychologischer Sicht ist ferner zu sagen: Jeder Handlung geht ein Gedanke voraus; es folgt die Absicht und schließlich das Tun selber. Also wird ein Mensch, wenn er sein Denken ändert, schließlich auch anders handeln. Natürlich kann beispielsweise der einzelne nicht das Abholzen des Regenwaldes aufhalten. Der Weg vielmehr ist ein anderer. Man kann in dem Bereich, wo man selber Einfluss hat, etwas tun. Das muss nicht eine große Sache sein. Wie sagt doch der Volksmund? Auch Kleinvieh macht Mist.
Ist das hier Gesagte unglaubwürdig? In der Tat, man sollte nicht einfach etwas glauben. Aber vielleicht sollte man es einmal ausprobieren. Nehmen wir die Nachrichten im Fernsehen: Man kann sich beispielsweise fragen: Brauchen wir Nachrichten aus dem Fernsehen? Nachrichtensendungen gibt es auch im Radio, in den Zeitungen, usw. Es gibt also auch andere Wege, ohne Schreckensbilder informiert zu sein. Ebenso könnte man sich fragen: Muss ich gleich mehrfach am Tag die Nachrichten abfragen? Seine Aufmerksamkeit auf „das Schlechte“ zu richten, nimmt Energie. Ebenso kann man sich vor Augen führen, dass die Nachrichten ja nicht wirklich informieren über das, was auf der Welt geschieht. Was nämlich als Meldungen gebracht wird, das sind vor allem Katastrophen und negative Ereignisse, also was Aufmerksamkeit erzielt und die Einschaltquoten, die Auflagenzahl steigen lässt. Dass aber zum Beispiel parallel und an jedem Tag viele Menschen aufopferungsvoll ihre kranken Angehörigen pflegen und dies sogar mit Liebe tun, das ist für Nachrichtensendungen keine Meldung. Dennoch, es ist ebenso wahr.
Es ist wichtig, sich immer wieder klar zu machen: Nicht Katastrophen, nicht das Perfide usw. ist die Norm. Sondern unsere Welt hat ebenso ganz viele schöne Seiten, wo beispielsweise Liebe fließt, wo Edles hochgehalten wird, wo also einfach viele gute Dinge geschehen.

Die Verdrehung der Worte, Missbrauch von Sprache

Werfen wir noch einen Blick auf die „Spiele“. Wir wollen Spaß haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch sei die Frage erlaubt: Wollen wir wirklich Spaß, Vergnügen haben, oder wollen wir nicht vielleicht etwas ganz anderes? Spaß und Vergnügen befriedigen uns für den Augenblick. Doch schon im nächsten Moment verlangen wir nach Neuem, fast wie ein Süchtiger nach neuem Stoff. Wenn wir hingegen Freude erleben, macht uns das glücklich, macht sozusagen länger satt. Doch die Werbung und alles, was auf Konsum ausgerichtet ist, ist – und das muss man einfach wissen – gar nicht an diesem Sattsein interessiert. Je schneller man wieder hungrig ist, desto mehr wird gekauft. Werbung will Konsum; das ist ihre Aufgabe, und das ist für sich genommen auch nicht schlecht. Entscheidend ist, dass wir uns selber fragen: Was wollen wir wirklich? C. G. Jung würde dazu wohl sagen: Der Hunger der Seele bleibt sonst ungestillt.

Selber leben

Dies vor Augen sehen wir uns nicht mehr als Opfer; denn wir spüren unsere eigene Handlungskompetenz und damit zugleich unsere Macht. – Hier sei klar gestellt: Macht ist nicht gleich Machtmissbrauch. Die ursprüngliche Bedeutung von Macht findet sich noch in „machtvoll“. So können wir beispielsweise mit Recht sagen, „Gandhi war ein machtvoller Mensch“. Macht ist die Kraft und das Potenzial zu handeln, zu verändern. Wie der einzelne diese Macht gebraucht, ist dann wieder eine andere Frage. So haben gute Führer immer ihre Macht zum Wohl ihres Volkes eingesetzt. Macht ist also im Grunde so neutral wie Elektrizität. Auch die Elektrizität kann Menschen helfen, indem sie beispielsweise Maschinen antreibt. Elektrizität kann aber ebenso auch zerstören, beispielsweise durch Blitze oder gar durch den „elektrischen Stuhl“.
Bewusstheit ist wie ein Scheinwerfer. Wenn wir einen dunklen Speicher mit viel Gerümpel betreten, brauchen wir eine Lampe, um Einzelheiten zu erkennen. So wirkt Bewusstheit, nämlich indem sie etwas vom Unbewussten anleuchtet, es ins Licht bringt. Sie ist das Eigentliche, ähnlich dem Licht. Wenn wir in einem dunklen Zimmer sind und es draußen hell ist und wenn wir dann die Rollläden aufziehen, kommt das Licht von außen herein. Anders herum, wenn wir Licht im Zimmer haben und draußen ist es dunkel, kommt nicht das Dunkel von außen herein, sondern das Licht strahlt nach draußen. Licht ist das Eigentliche. Ebenso Bewusstheit. Sie verdrängt das Dunkel des Unbewussten. Damit verdrängt sie auch das Dunkel von Dummheit und entblößt Ignoranz. Im Licht sehen wir alles klarer. Es fördert die eigene Kritikfähigkeit, eben sich mit den Dingen und Meinungen selbständig auseinander zu setzen und nicht denken zu lassen. Und Denken ist ja, wie wir sahen, der Beginn von Veränderung.
Seien wir uns bewusst, dass wir mächtiger sind, als wir annehmen! Seien wir uns bewusst, dass wir weitaus strahlender sind, als man uns zu glauben gelehrt hat! Und dann ergreifen wir unsere Macht, unsere Handlungskompetenz, um in dem Rahmen, der in unserem Einfluss liegt, die Dinge – liebevoll! – in eine Ordnung zu bringen! Jeder an seinem Platz. Einige werden dann auf die Straße gehen und demonstrieren. Andere vielleicht schreiben ihre Politiker an. Oft genügen auch einfach kleine Dinge. Um richtig verstanden zu werden: Das soll nicht heißen, dass man missionieren soll. Denn wenn ich missioniere, bin ich von der alleinigen Richtigkeit meines Standpunkts überzeugt und lasse anderes nicht gelten. Damit würde ich jedoch sozusagen mich gottgleich machen wollen, weil ich davon ausginge, dass allein ich das Richtige kenne. Vielmehr geht es darum, mit der eigenen Überzeugung in ein offenes und rückhaltloses Gespräch zu gehen, letztendlich um herauszufinden, wie die Dinge wirklich sind, also wie sie wirken, und damit auch, wie sie wahrhaftig sind. Der Spirituelle wird sagen, so werde er zum Wahrheitssucher und damit zu einem Gottsucher.
Damit beschreiten wir einen Weg, wo es darum geht, Ver-Antwortung zu übernehmen, uns also zunächst einmal ansprechen zu lassen von einer Situation, in die wir gestellt sind, und dann darauf zu antworten, die Situation zu ver-antworten. So können wir wirken, verwirklichen. Wir praktizieren dann in der Ver-Antwortung unsere eigene Mündigkeit (mündig = Mund gebrauchen). Wir sind in dem Moment nur uns selber, unserem Gewissen verantwortlich. Der Religiöse wird sagen, er ist seiner Seele bzw. Gott verantwortlich. Dazu gehört auch der Mut, sich einmal aus dem Mainstream zu lösen und eine eigene Meinung zu vertreten (es könnte sogar sein, dass, wenn jemand wieder Rückgrat zeigt, auch seine Rückenschmerzen weggehen). Der einzelne ist also nicht machtlos, nicht wirkungslos. Auch ein Stück Hefe ist nur klein, ganz wenig in der Hand. Doch wenn es den ganzen Kuchenteig durchzieht, lässt es den Kuchen als Ganzen gelingen.

Irene Maria Klöppel, Köln

Weitere Informationen:
kontakt@kloeppel-beratung.de
www.kloeppel-beratung.de

Erstveröffentlichung: raum&zeit; Newsletter Nr. 198 im Oktober 2015, Ehlersverlag


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